Volker Bouffier hat Friedrich Merz scharf dafür kritisiert, die CDU mit seiner Ankündigungspolitik unter Druck gesetzt zu haben. Der frühere hessische Ministerpräsident sagte, Merz sei „Opfer seiner eigenen Ankündigungspolitik“ und es sei ein Fehler gewesen, als CDU-Vorsitzender alles anders machen zu wollen.
Bouffier sagte, Merz habe bei seinen Anhängern Erwartungen geweckt, die er später nicht habe erfüllen können. Zugleich habe die CDU Menschen verloren, die mit der bisherigen Regierungsarbeit der Partei zufrieden gewesen seien. Damit trifft Bouffier einen Nerv in einer Partei, die seit Monaten über die richtige Mischung aus Erneuerung und Verlässlichkeit streitet.
Der Hintergrund dieser Debatte reicht bis in die Zeit nach der Merkel-Ära zurück. Damals setzte die CDU mit dem Slogan „CDU pur“ auf einen Neuanfang. Merz griff diese Linie 2025 in Berlin auf und sprach von einem „Wahlprogramm für die CDU pur, für einen echten Politikwechsel“. Später sagte er in Stuttgart, die Partei habe nach dem Regierungswechsel vielleicht nicht schnell genug deutlich gemacht, dass diese gewaltige Reformanstrengung nicht von heute auf morgen zu schaffen sei.
Die Auseinandersetzung wird durch die politische Lage noch verschärft. Eine Forsa-Umfrage ergab, dass nur 11 Prozent der Befragten mit der Arbeit der Bundesregierung zufrieden sind. Unter den Anhängern der Union lag der Wert mit 44 Prozent zwar deutlich höher, doch auch dort bleibt die Stimmung angespannt. Merz sagte in diesem Monat zudem, es gebe in CDU und CSU Unzufriedenheit über die Kompromisse in der Koalition. Er habe, so Merz, „einen großen Handlungsspielraum“, aber „keine Vollmacht, die CDU umzubringen“.
Bouffier, der zwölf Jahre Ministerpräsident von Hessen war, stellte dieser Linie eine andere Parteidefinition gegenüber. Die CDU stehe für ideologiefreie Politik der praktischen Vernunft, sagte er. Und wenn man ein Land führen wolle, müsse man kompromissfähig sein. Genau an diesem Punkt liegt der Konflikt: Die CDU ringt darum, ob sie unter Merz zu stark auf Zuspitzung gesetzt hat oder ob sie gerade dadurch den Abstand zu Wählern verliert, die sie als Regierungspartei sehen wollen.
Carsten Linnemann sprach laut Parteikreisen in einer Präsidiumssitzung über zahlreiche Austritte in diesem Jahr und stellte einen Verlust von mehreren Zehntausend Mitgliedern in Aussicht. Das passt zu der Sorge, dass die Partei zwischen Anspruch und Regierungspraxis aufgerieben wird. Bouffiers Warnung zielt damit nicht nur auf Merz, sondern auf die Frage, ob die CDU ihre Fähigkeit zum Kompromiss bewahrt oder am Ende denselben Preis zahlt wie die SPD, wenn sie Erwartungen nicht mit Regierungsfähigkeit verbindet.

