Die Bereitschaft, die AfD zu wählen, ist nach Einschätzung des Extremismusforschers Gideon Botsch massiv gestiegen. Der Leiter des Emil Julius Gumbel Forschungszentrums für Antisemitismus und Rechtsextremismus am Moses Mendelssohn Zentrum in Potsdam sagt zugleich, das Stigma rund um eine AfD-Stimme sei deutlich geschmolzen.
Nach Botschs Darstellung kommt diese Entwicklung in einer Reihe neuer Umfragen zum Ausdruck, in denen die Partei bundesweit auf bis zu 29 Prozent in der Sonntagsfrage kommt. Besonders seit etwa 2023, so Botsch, habe die AfD ihre Klientel deutlich ausweiten können. Er macht dafür auch die Bundespolitik verantwortlich und den Versuch der Unionsparteien, die AfD rechts zu überflügeln. Diese Strategie, sagte er, habe die Partei nicht geschwächt, sondern gestärkt.
Botsch verweist darauf, dass die AfD in Brandenburg schon lange mit einer Stammwählerschaft von bis zu einem Viertel der Bevölkerung veranschlagt worden sei. Neu sei aber, dass die Partei seit rund 2023 deutlich darüber hinaus gewachsen sei. Sie profitiere nach seiner Einschätzung auch davon, dass Migration von anderen politischen Akteuren zunehmend als Deutschlands Hauptproblemrahmen bestätigt werde. Gleichzeitig zögen sich andere Parteien aus kommunalen Räumen zurück.
Das hat nach Botschs Worten Folgen für die politische Landschaft vor Ort. Er hält es für wahrscheinlich, dass die AfD in den kommenden Jahren weitere kommunale Spitzenämter erobern kann, vor allem auf Bürgermeisterebene. Besonders alarmierend sei, dass der Partei am 10. Mai in Zehdenick im ersten Wahlgang ein Erfolg gelungen sei. Dort hatten die demokratischen Parteien nach seinen Angaben – abgesehen von einem FDP-Kandidaten – überhaupt keinen eigenen Bewerber aufgestellt. Botsch sagte, die Parteien müssten aus diesem Ergebnis dringend lernen.
Der Befund passt zu einem Trend, den Botsch ebenfalls beschreibt: Immer häufiger gewännen unabhängige Kandidaten, während klassische Parteistrukturen an Boden verlören. Für ihn ist das keine bloße Verschiebung im kommunalen Wettbewerb, sondern Teil einer größeren Bewegung. Die AfD werde immer weiter rechtsextrem, radikalisiere sich fort und nehme, zumindest in Brandenburg, immer mehr Elemente des Neonazismus in sich auf. Sie tue das inzwischen offen und unverhohlen.
Als Beispiel nannte Botsch einen Instagram-Beitrag des AfD-Landtagsabgeordneten Dominik Kaufner, in dem dieser den 8. Mai 1945 nicht als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, sondern als Tag der Zerstörung bezeichnete. Zugleich ist die Lage für die Partei juristisch und politisch heikel: Das Brandenburger Landesamt für Verfassungsschutz stuft die AfD als rechtsextrem ein, die Partei wehrt sich dagegen vor Gericht. Auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Niedersachsen gilt die Einstufung als rechtsextrem; in Niedersachsen ist sie wegen einer Klage vorläufig ausgesetzt.
Für Brandenburg ist vor allem die Verbindung aus wachsender Wählbarkeit und zunehmender Radikalisierung brisant. Am 10. Mai wurde René Stadtkewitz zum ersten AfD-Kandidaten gewählt, der in Brandenburg ein hauptamtliches Bürgermeisteramt gewann. Botschs Kernwarnung ist klar: Die Partei gewinnt nicht nur Zustimmung, sie verschiebt gleichzeitig die Grenzen des Sag- und Wählbaren weiter nach rechts.

