Die Reformpartnerschaft von Bund, Ländern und Gemeinden verhandelt die Zukunft des Gesundheitswesens hinter verschlossenen Türen, und mitten in der Debatte steht der freie Zugang zum Facharzt. Während bis zum Sommer in groben Zügen feststehen soll, wie es im Gesundheitsbereich weitergeht, gilt der Ausbau der Gesundheitshotline 1450 als eines der zentralen Puzzleteile.
Über 1450 könnten Terminvergaben und Telemedizin möglich werden. Genau dort entzündet sich nun auch der Streit: Der Berufsverband Fachärzt:innen Österreich warnte am Montag vor einer möglichen Rückkehr zur Überweisungspflicht vom Hausarzt zur Fachärztin und sprach von Zwangszuweisung und Gatekeeping. Seit der Einführung der E-Card können Krankenkassenpatienten in Österreich großteils ohne Umweg oder Überweisung Fachärzte in Anspruch nehmen. Im Zuge der geplanten Reform könnte dieser freie Zugang wieder eingeschränkt werden, auch wenn die genaue Ausprägung zwischen Anreizen und Sanktionen noch offen ist.
Andreas Huss, der sich in einem STANDARD-Gespräch am Montag zu den Plänen äußerte, sieht den Kern der Überlegungen jedoch anders. Für ihn geht es vor allem um Vorab-Einschätzungen bei der Gesundheitshotline 1450, nicht um eine Überweisungspflicht von der Hausärztin zur Fachärztin. Im Idealfall, sagte er, könne über 1450 gleich ein Termin vergeben werden, ob bei der Hausärztin, dem Facharzt oder in einer Spezialambulanz. Auch die Telemedizin solle dort ausgebaut werden.
Die Reform setzt damit auf mehr Steuerung in einem System, das je nach Bundesland schon heute sehr unterschiedlich organisiert ist. 1450 ist in jedem Land anders aufgesetzt und unterschiedlich weit entwickelt, was den Ausbau zusätzlich kompliziert macht. Die Österreichische Gesundheitskasse hat in der Vergangenheit bereits Pilotprojekte in diese Richtung angestoßen, um die Patientenlenkung genauer zu testen.
Der Streit um die Reform zeigt jedoch, wie umkämpft dieses Ziel ist. Florian Mittermayer schrieb per Aussendung: „Man sagt: Steuerung und Patientenlenkung. Man meint: weniger Kosten und Rationierung. Auf Qualitätssicherung mit medizinischer Expertise wird bei der Debatte um Zuweisungszwang und Gatekeeping nicht vorrangig Rücksicht genommen.“ Pulmologin Irene Sperk, Internistin Bonni Syeda, Urologe Mehmet Özsoy, HNO-Ärztin Verena Niederberger-Leppin und Dermatologin Elisabeth Heere-Ress kritisierten die Diskussion ebenfalls als falsch und warnten, die Wartezeiten auf gute Behandlung durch Expertinnen und Experten könnten länger werden und die Kosten steigen.
Sie verwiesen darauf, dass skandinavische und nordische Gesundheitssysteme oft als Vorbilder genannt werden, dort aber ebenfalls lange Wartezeiten, Fragen der Zugänglichkeit und ein schwindendes Vertrauen ins Gesundheitswesen diskutiert würden. Für die Reformverhandler bleibt damit ein heikler Spagat: Mehr Lenkung soll Versorgung ordnen, darf aber den direkten Weg zum Facharzt nicht so stark verstellen, dass aus Steuerung am Ende Rationierung wird.
