Friedrich Merz kam am dritten Kongresstag als Bundeskanzler zum DGB-Bundeskongress und erlebte in einem Saal mit rund 400 Gewerkschaftern einen Auftritt, der zunächst höflich begann und dann deutlich kippte. Yasmin Fahimi war am Montag mit überwältigender Mehrheit als DGB-Chefin wiedergewählt worden, und Merz gratulierte dem Vorstand dazu, bevor er auf Reformen der Regierung zu sprechen kam.
Gegen halb zehn morgens verschärfte sich die Stimmung, als Merz über die Reform der Krankenversicherung und dann über die Renten sprach. In dem Moment begannen Delegierte zu pfeifen, zu buhen und ihn zu unterbrechen. Frauen des DGB hielten Schilder mit nach unten zeigenden Daumen hoch, ein Transparent trug die Aufschrift „Finger weg von der 8“.
Merz versuchte den Saal mit dem Satz zu beruhigen: „Sie werden gehört in diesem Land“. Einen Teil der Delegierten erreichte er damit nicht. Der Auftritt zeigte, wie tief der Streit über Sozial- und Arbeitsmarktpolitik inzwischen reicht, und wie schnell das Verhältnis zwischen Regierung und Gewerkschaften an diesem Punkt ins Offene kippen kann.
Der Hintergrund ist ein Konflikt, der die Koalition längst beschäftigt: Die Delegierten protestierten gegen Pläne für flexiblere Arbeitszeiten, der DGB sieht den Acht-Stunden-Tag als rote Linie. Dass Merz ausgerechnet beim Thema Krankenversicherung und Rente auf den Widerstand der Halle stieß, machte den Tag im Berliner Saal zu mehr als einem höflichen Austausch von Grußworten. Er wurde zu einem Test dafür, wie belastbar der soziale Frieden in der Debatte über Arbeit und Absicherung noch ist.
Fahimi hatte den Kongress am Montag noch mit sichtbarer Zuversicht eröffnet und gesagt: „Guten Morgen! Sie sehen: Wir sind gut drauf“. Merz gratulierte dem wiedergewählten Vorstand, und er erinnerte daran, dass das Bundestariftreuegesetz in diesen Tagen gerade erst in Kraft getreten sei. Doch die Pfiffe bei den Krankenversicherungsplänen und die Buhrufe beim Rententhema zeigten, dass sich Anerkennung und Ablehnung im Saal binnen Minuten trennen konnten. Für Merz war der Besuch damit kein diplomatischer Fototermin, sondern ein direkter Kontakt mit einer Gewerkschaftsbasis, die der Regierung bei den sozialen Kernfragen misstraut.

