Uli Hoeneß hat Bundestrainer Julian Nagelsmann in den vergangenen zehn Tagen in mehreren Interviews attackiert. Nun hat sich Andreas Rettig am Rande einer Veranstaltung in Düsseldorf scharf dagegen gewehrt und dem Ehrenpräsidenten des FC Bayern vorgehalten, ohne Auftrag des DFB ein öffentliches Urteil über den Nationaltrainer zu fällen.
„Ich kann mich nicht daran erinnern, dass jemand vom DFB Herrn Hoeneß gebeten hat, öffentlich ein Zwischenzeugnis für den DFB-Trainer abzugeben. Ich weiß nicht, warum er dazu jetzt die Notwendigkeit gesehen hat“, sagte Rettig. Später legte er nach: „Genau dieser Trainer war dem FC Bayern mal, ich glaube, 25 Millionen Euro wert. Sie haben ihn dann entlassen und wollten ihn wieder zurückholen. Das wissen wir, weil wir genau zu der Zeit mit Julian in Vertragsgesprächen waren.“
Der öffentliche Schlagabtausch ist nur das jüngste Kapitel in einem Verhältnis, das seit längerem belastet ist. Zwischen dem FC Bayern und dem Deutschen Fußball-Bund gab es nach Angaben aus dem Umfeld bereits mehrere Konflikte, die weit über die aktuelle Kritik an Nagelsmann hinausreichen. Es geht um Macht, Einfluss und darum, wer im deutschen Fußball den Ton angibt.
Im Januar hatte Joshua Kimmich die politische Debatte rund um die Weltmeisterschaft in den USA schon einmal heruntergefahren. „Ich nehme nicht mehr teil an der politischen Diskussion. Das haben wir ja gemerkt, dass es nicht zielführend ist, wenn wir Spieler uns zu sehr politisch äußern“, sagte er. Danach meldete sich der DFB schriftlich beim FC Bayern und allen anderen Bundesliga-Clubs mit Nationalspielern und verschickte eine allgemeine Sprachregelung, um das Thema in der Öffentlichkeit kleinzuhalten. Wenige Tage später riet Oke Göttlich beim DFL-Neujahrsempfang öffentlich zu einem WM-Boykott, worauf der FC Bayern fassungslos reagierte.
Auch später beruhigte sich das Verhältnis nicht. Der DFB und 14 Bundesliga-Clubs, angeführt vom FC Bayern, sprachen über die Rahmenbedingungen für die Gründung des Ligaverbandes im Frauenfußball. Nach den vorliegenden Angaben soll der DFB dabei im letzten Moment Absprachen missachtet haben. Bayern-Vorstandschef Jan-Christian Dreesen sagte dazu: „Das hat uns 14 Clubs nicht nur irritiert, sondern kam für uns völlig überraschend.“ DFB-Chef Holger Blask widersprach: „Die Verhandlungsführer der Klubs hatten dem DFB weitreichende Ergänzungen und Änderungswünsche übermittelt, auf die der DFB verhandlungsüblich reagiert hat.“
Parallel dazu stritten beide Seiten über Highlight-Clips bei den DFB-Pokalspielen. Bayern durfte Zusammenfassungen seiner Pokalspiele unter der Woche erst ab Freitag auf den Club-Kanälen zeigen, während der DFB die Clips direkt nach Abpfiff veröffentlichen durfte. Die Münchner stellten ihre Videos in dieser Saison dennoch parallel zum DFB online, worauf der Verband den Club schriftlich ermahnte, sich an die Regeln zu halten.
Rettigs Auftritt in Düsseldorf zeigt, dass die alten Gräben nicht verschwunden sind. Wenn Hoeneß öffentlich über Nagelsmann urteilt, trifft das nicht nur den Bundestrainer, sondern rührt an eine Beziehung, in der sportliche Machtfragen, Vertragsstreit und Verbandsinteressen seit Monaten ineinandergreifen. Für den DFB ist das vor allem deshalb heikel, weil jede neue Attacke die Suche nach Ruhe im Umfeld der Nationalmannschaft weiter erschwert.

