Das Oberste Antikorruptionsgericht der Ukraine hat für Andrij Jermak Untersuchungshaft angeordnet. Der 54 Jahre alte frühere Stabschef von Präsident Wolodymyr Selenskyj soll für 60 Tage festgehalten werden. Eine Freilassung ist gegen eine Kaution von 2,72 Millionen Euro möglich.
Jermak sagte, er habe nicht die Mittel, um die Kaution zu zahlen, und kündigte an, den Haftbefehl anfechten zu wollen. Sollte er doch freikommen, dürfte er Kyjiw nicht verlassen, müsste eine elektronische Fußfessel tragen und dürfte keinen Kontakt zu bestimmten Personen aufnehmen.
Die Staatsanwaltschaft hatte Untersuchungshaft wegen Fluchtgefahr beantragt. Sie verwies dabei auf Jermaks Kontakte und mehrere diplomatische Pässe. Der Fall richtet sich gegen Vorwürfe der Geldwäsche und der Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation. Jermak steht zusammen mit fünf weiteren Verdächtigen im Verdacht, an illegalen Millionentransaktionen in einem Luxusbauprojekt beteiligt gewesen zu sein.
Nach Darstellung der Anklage sollen zwischen 2021 und 2025 rund neun Millionen Euro an mutmaßlich gewaschenem Geld in den Bau von vier Villen geflossen sein. Jermak wies die Vorwürfe zurück und nannte sie unbegründet. Auch sein Anwalt Ihor Fomin sagte, es gebe keine Beweise für die Anschuldigungen.
Der Fall ist Teil einer größeren Korruptionsuntersuchung, die im November des vergangenen Jahres öffentlich wurde. Damals geriet ein früherer Geschäftspartner Selenskyjs unter Verdacht, bei der staatlichen Atomenergiebehörde ein Bestechungssystem im Umfang von rund 87 Millionen Euro betrieben zu haben. Im Dezember machten die Behörden zudem Ermittlungen gegen mehrere Abgeordnete öffentlich. In derselben Phase wurde Jermaks Wohnung durchsucht, offiziell als Verdächtiger geführt wird er aber erst seit dieser Woche.
Vor Gericht verlas die Staatsanwaltschaft zudem Chatnachrichten zwischen Jermak und einer Frau, die in seinem Telefonbuch als Veronika Feng-Shui Büro gespeichert war. Die 51 Jahre alte Frau aus Kyjiw bezeichnet sich selbst als astrologische Beraterin. Nach Angaben der Anklage sprach Jermak mit ihr über Spitzenposten, übermittelte ihr Geburtsdaten von Kandidaten und bat um Rat. Die Vorwürfe verschärfen den Druck auf einen Mann, der lange zu Selenskyjs engstem Kreis gehörte und dessen Einfluss in der ukrainischen Politik schon vor der Affäre umstritten war.
Wie weit die Ermittlungen noch reichen, hängt nun davon ab, ob Jermak Berufung gegen die Haftentscheidung einlegt und ob das Gericht die Kautionsauflagen in Kraft setzt. Für die Staatsanwaltschaft ist der Fall erst der sichtbarste Teil eines deutlich größeren Korruptionskomplexes.
