Mario Draghi soll am Donnerstag in Aachen mit dem Internationalen Karlspreis ausgezeichnet werden. Die Ehrung würdigt den früheren Präsidenten der Europäischen Zentralbank und früheren italienischen Ministerpräsidenten für seinen Einfluss auf die europäische Politik in einer Phase, in der die Union unter Druck steht, wettbewerbsfähiger zu werden.
Das Direktorium des Preises lobte den 78-Jährigen dafür, er habe „große Dinge für Europa mit Zielstrebigkeit und unerschütterlicher Entschlossenheit erreicht“. Gemeint ist vor allem sein umfangreicher Bericht zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit, der 2024 veröffentlicht wurde und in dem Draghi warnte, die EU müsse dringend innovativer werden, um nicht hinter die Vereinigten Staaten und China zurückzufallen.
Draghi ist in Europa seit Langem eine Figur, die in Krisen mit wenigen Worten große Wirkung entfalten kann. Während der Eurokrise sagte er 2012, die Europäische Zentralbank werde alles tun, „whatever it takes“, um die gemeinsame Währung zu sichern. Der Satz wurde zum Symbol für den Versuch, den Euro in einer seiner schwersten Phasen zu stabilisieren, und prägt bis heute seinen Ruf als Politiker und Ökonom, der in Ausnahmesituationen entschieden handelt.
Der Karlspreis wird seit 1950 von der westdeutschen Stadt Aachen vergeben und gilt als die renommierteste Auszeichnung für Verdienste um die europäische Integration. Gestiftet wurde er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von Bürgern der Stadt; der Name verweist auf Kaiser Karl den Großen, der von 748 bis 814 lebte und oft als „Vater Europas“ bezeichnet wird. Seit dem vergangenen Jahr ist der Preis mit einem Preisgeld von 1 Million Euro verbunden, das von einem Ehepaar aus Aachen gespendet wird.
Die Festreden bei der Zeremonie im Aachener Rathaus werden von Bundeskanzler Friedrich Merz und dem griechischen Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis gehalten. Damit bekommt die Preisverleihung zusätzlich politisches Gewicht, weil sie in einer Zeit stattfindet, in der Europas Regierungen über Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und die Fähigkeit der Union streiten, im globalen Wettbewerb mitzuhalten.
Die Auszeichnung für Draghi fügt sich auch in eine jüngere Reihe prominenter Preisträger ein. 2025 nahm EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den Karlspreis entgegen. Der letzte Italiener, der geehrt wurde, war Andrea Riccardi im Jahr 2009. Dass nun erneut ein Italiener ausgezeichnet wird, unterstreicht, wie stark Draghi mit dem europäischen Projekt verbunden bleibt — nicht nur wegen seiner Zeit an der Spitze der EZB, sondern auch wegen des politischen Erbes, das er in Brüssel und in Rom hinterlassen hat.
Für Aachen ist der Donnerstag damit mehr als eine weitere Preisverleihung. Der Karlspreis soll europäische Verdienste sichtbar machen; mit Draghi trifft er diesmal einen Mann, dessen Name in Krisenjahren für Entschlossenheit stand und dessen jüngster Bericht die Debatte über Europas wirtschaftliche Zukunft neu angefacht hat. Ob die Union seiner Warnung nachkommt, ist offen. Dass sie sie kennt, ist es nicht.

