Die FIFA führt ab 1. Juli weltweit drei weitere VAR-Eingriffssituationen ein und verschärft zugleich die Regeln gegen Spielverzögerungen. Bei der WM sollen Einwurf, Abstoß und Auswechslung schneller ablaufen, bevor die Änderungen dann in allen Ländern und Ligen gelten.
Für Viktor Kassai ist das der richtige Zeitpunkt für einen harten Praxischeck. Der frühere Spitzenschiedsrichter verweist auf die WM mit 104 Spielen als große Bewährungsprobe und auf die Aufgabe, 48 Mannschaften und die Schiedsrichter auf die neuen Abläufe einzustellen. In Nordamerika werden 52 WM-Schiedsrichter im Einsatz sein, und Kassai sagt, jeder in der Welt warte darauf, wie die Neuerungen dort ankommen. „Wir können davon lernen“, sagte er.
Die zusätzlichen Eingriffe betreffen drei klar umrissene Fälle: Der VAR darf den Schiedsrichter bei einer eindeutig falschen zweiten Gelben Karte unterstützen, bei einem eindeutig zu Unrecht gegebenen Eckball und bei einer Spielerverwechslung, die zu einer Gelben oder Roten Karte geführt hat. Dazu kommen Regeln, die das Zeitspiel an der Seitenlinie und im Strafraum eindämmen sollen. Dauert ein Einwurf nach Ansicht des Schiedsrichters zu lange, zeigt er einen Fünfsekundencountdown an. Ist der Ball danach nicht im Spiel, geht der Einwurf an den Gegner. Bei einem nicht rasch genug ausgeführten Abstoß bekommt die andere Mannschaft einen Eckball. Ein ausgewechselter Spieler muss binnen zehn Sekunden vom Feld, sonst darf der Einwechselspieler erst nach der nächsten Unterbrechung und nach Ablauf einer Minute aufs Feld. Wer nach einer Behandlung auf dem Platz verletzt heraus muss, darf ebenfalls erst eine Minute nach der Fortsetzung zurückkehren.
Kassai begrüßt die Richtung, sieht aber auch die Grenze der Eingriffe. Er sagte, diese VAR-Neuheiten würden nicht jeden Tag oder jeden zweiten Tag vorkommen. Eine Gelbe Karte für den falschen Spieler passiere seiner Einschätzung nach etwa einmal pro 1.000 Spiele, ein klar falscher Eckball komme selten vor, und eine falsch gegebene zweite Gelbe Karte sei auf Topniveau nicht typisch. Genau darin liegt die Spannung der Reform: Die FIFA will den Spielfluss beschleunigen, führt aber zugleich mehr Möglichkeiten für VAR-Eingriffe ein, die nach Kassais Sicht nur selten nötig sein werden. Das Problem des zähen Spiels kennt er aus dem Spitzenfußball, wo es in der Champions League oft nur etwa 55 Minuten Nettospielzeit gebe und ein führendes Team manchmal nur noch auf die 90. Minute warte.
Dass die FIFA die Regeln ausgerechnet jetzt mit der WM groß ausrollt, ist kein Zufall. Kassai sagte, er sei froh über diese Motivation von der FIFA; die Weltmeisterschaft sei eine Bewerbung für das neue Regelwerk. Für Spieler und Schiedsrichter sei das anspruchsvoll, aber sie bekämen Trainings und Schulungen. Aus seiner Sicht sei es leichter, 48 Mannschaften und die Schiedsrichter auf das Regelpaket vom 1. Juli einzuschwören als Millionen oder Milliarden von Amateurpartien. Wie oft die neuen Eingriffsmöglichkeiten bei der WM tatsächlich greifen und ob der Spielfluss spürbar schneller wird, wird erst dieses Turnier zeigen.

