Die Vorschau auf die 17. Etappe des Giro d’Italia zeichnete ein schweres, aber nicht ganz eindeutiges Bild: 202 Kilometer von KM0 um 12.20 Uhr bis zum erwarteten Ziel gegen 17.15 Uhr in Andalo, mit einer Route, die früh wehtat und zum Ende hin noch einmal anstieg. Der härteste Anstieg kam mit dem Passo dei Tre Termini, 8 Kilometer mit durchschnittlich 6 Prozent, bevor die Fahrer auch die Cocca di Lodrino mit 8 Kilometern bei 4 Prozent und den unmarkierten Anstieg nach San Lorenzo Dorsino mit 2 Kilometern bei 7 Prozent abarbeiten mussten.
Im Schlussteil wurde es erneut unruhig. Zwischen 4 Kilometern vor dem Ziel und der letzten Kilometer-Marke ging es mit 6 Prozent bergauf, bevor das Finale in Andalo nach einer weiteren Schleife mit zusätzlichem Klettern anstand. Die Strecke ließ damit offen, ob ein Ausreißer durchkommt oder ob sich doch ein kleines Feld um den Tagessieg streitet. Nach der Einschätzung des Vorberichts war genau das die Frage: wahrscheinlich eher ein Tag für punchy Fahrer, aber eben nicht so klar, dass die Fluchtgruppe von vornherein ausgeschlossen wäre.
Dass die Etappe überhaupt mit dieser Spannung betrachtet wurde, lag auch an den Bildern vom Vortag. Jonas Vingegaard hatte die vorherige Etappe gewonnen, sein vierter Sieg bei dieser Rundfahrt, nachdem er im letzten Anstieg in den letzten 7 Kilometern attackiert hatte. Felix Gall kam dahinter auf Rang zwei ins Ziel, während Jai Hindley, Thymen Arensman und Derek Gee-West in der Nähe der Spitze blieben. Für Giulio Pellizzari war der Rückschlag deutlich härter: Er verlor 18 Minuten, rutschte auf Platz 19 der Gesamtwertung ab und bekam damit eine ganz andere Rolle im Rennen.
Auch in den Nebenkämpfen verschob sich einiges. Afonso Eulalio trug nach der letzten Etappe das weiße Trikot, Davide Piganzoli lag 2 Minuten und 17 Sekunden dahinter. In der Bergwertung hatte Giulio Ciccone die ersten vier Anstiege gewonnen und damit 54 Punkte gesammelt, Vingegaard kam am Schlussanstieg auf 50 Punkte. Im Sprintkampf rückte Jhonathan Narvaez bis auf zwei Punkte an Paul Magnier heran. Gerade das machte die Etappe für Magnier und sein Team interessant, weil sie ein eigenes Interesse daran hatten, das Rennen zu kontrollieren und die Punkte nicht kampflos abzugeben.
Die Erinnerung an Andalo ging dabei zurück ins Jahr 2016, als der Giro dort zuletzt ankam. Damals gewann Alejandro Valverde die 16. Etappe, Steven Kruijswijk nahm den Zeitbonus für Rang zwei mit, und Esteban Chaves lag als Zweiter der Gesamtwertung drei Minuten zurück. Dass Andalo wieder im Streckenplan auftauchte, verlieh dem Ziel zusätzlich Gewicht, auch wenn die Ausgangslage diesmal eine andere war: Das Profil war anspruchsvoll genug für Attacken, aber offen genug, um Taktik und Mannschaftsstärke erneut in den Mittelpunkt zu rücken.
Am Ende blieb die Etappe damit zwischen zwei Polen hängen. Sie konnte eine Fluchtgruppe belohnen, wenn sich die Teams der Sprinter zurückhielten. Sie konnte aber auch von einer Mannschaft kontrolliert werden, die auf Punkte angewiesen war. Nach Vingegaards Sieg am Vortag und Pellizzaris Zeitverlust war der Giro ohnehin schon in einer Phase, in der jede Bergankunft mehr bedeutete als nur ein Etappenergebnis. In Andalo ging es um Kontrolle, um Punkte und um die Frage, wer in den letzten Bergtagen noch genug Kraft hatte, das Rennen selbst zu schreiben.

