Hundert Tage nach ihrem Olympiasieg in Cortina klingt das Wort für Janine Flock noch immer nicht selbstverständlich. Die 36-Jährige aus Tirol sagt, sie sei jedes Mal überrascht, wenn jemand zu ihr sagt: „Hey, du bist Olympiasiegerin!“
Flock ist nach ihrem Goldgewinn im Skeleton deutlich präsenter geworden. Sie sagt, wenn sie heute ein Thema anspricht, hören ihr die Leute zu. Das sei neu für sie, und sie nehme es wahr, auch im Alltag. Gleichzeitig betont sie, dass sie stolz darauf sei, dass sie ihren Weg in den vergangenen Jahren durchgezogen und die richtigen Entscheidungen getroffen habe.
Der Olympiasieg hat ihr nicht nur einen Titel gebracht, sondern auch einen anderen Blick auf sich selbst. Flock sagt, sie habe im olympischen Rennen mental über sich hinausgewachsen. Für sie sei es der perfekte Zeitpunkt gewesen, „vollkommen“, sie sei reif und bereit für den Olympiasieg gewesen. Dennoch bleibt sie bei der Beschreibung ihrer eigenen Rolle zurückhaltend. Dass sie nun als Olympiasiegerin auftrete, wirke auf sie noch nicht völlig normal.
Zur gleichen Zeit spricht Flock offen darüber, wie stark der Sport auf außen reagiert, sobald Medaillen im Spiel sind. Sie sagt, sie sei schockiert, welchen Unterschied die Gesellschaft zwischen den Farben der Medaillen mache. Bronze wäre für sie ebenso ein Grund zur Freude gewesen. „Ich wäre auch mit Bronze überglücklich gewesen“, sagt sie. Genau dieser Kontrast zwischen sportlicher Leistung und öffentlicher Wahrnehmung scheint sie im Rückblick am meisten zu beschäftigen.
Der Weg zu Gold war dabei alles andere als glatt. Einen Monat vor den Winterspielen erlitt Flock in St. Moritz eine Gehirnerschütterung. Früher, sagt sie, hätte sie das sicher aus der Bahn geworfen. Trotzdem startete sie vor Olympia noch beim Weltcup-Finale in Altenberg. Es ging damals um die Startnummer für Olympia, wie sie erklärt. Hätte sie St. Moritz und Altenberg verpasst, wäre sie aus den top 6 gefallen, und damit wäre auch ihre Ausgangslage für die Spiele deutlich schlechter gewesen.
Dass sie sich trotz der Verletzung für den Start entschied, hält Flock im Nachhinein für eng mit den Winterspielen verbunden. Ohne Olympia hätte sie diese Entscheidung vermutlich nicht getroffen, sagt sie. Genau darin liegt die Spannung ihrer Geschichte: Der Titel steht für den großen Moment in Cortina, aber der Weg dorthin war ein Risiko, das sie bewusst einging. Für eine Athletin, die heute vom Außenblick profitiert, bleibt das der Teil ihrer Karriere, der den Preis des Erfolgs sichtbar macht.
Nach dem Sieg kamen Fernsehauftritte, Ehrungen, Empfänge und Einladungen. Flock hat dadurch erlebt, wie sehr sich ihr Leben innerhalb von 100 Tagen verändert hat. Sie wirkt dabei nicht wie jemand, der sich in der Rolle verliert. Eher wie eine Sportlerin, die überrascht registriert, dass ein Olympiasieg nicht nur im Protokoll, sondern auch im Tonfall der Menschen um sie herum etwas verschiebt. Und genau das dürfte den Rest ihrer Saison und darüber hinaus prägen: Nicht der Titel allein, sondern die neue Aufmerksamkeit, die er mit sich bringt.
