Ein ZDF-Bericht über mögliche Fälle von Bürgergeld-Missbrauch sorgt weiter für Diskussionen. In der am Montag ausgestrahlten Dokumentation von Sarah Tacke schildern mehrere Menschen, wie sie das System ausgenutzt haben sollen – von falschen Krankschreibungen bis zu Schwarzarbeit neben dem Bezug von Leistungen.
Besonders auffällig war der Bericht eines anonymen Bürgergeld-Empfängers, der sagte, er habe sich „76 Wochen krankschreiben lassen“, obwohl er „nicht krank“ gewesen sei. Er erklärte, er habe Jobs immer wieder hingeworfen wegen „Die Lustlosigkeit. Kein Bock mehr“. Zugleich bezeichnete er sich als „guter Schauspieler auf kleiner Bühne“ und fügte hinzu: „Ich glaube, das hätte in keinem anderen Land der Welt so funktioniert.“ Am Ende lobte er sogar den Staat mit den Worten: „Kompliment an den deutschen Staat.“
Noch deutlicher wurde ein Handwerker, der nach eigenen Angaben bis zu 45.000 Euro schwarz verdient und zugleich Bürgergeld bezogen hat. „Die Miete ist bezahlt, die Heizung ist bezahlt“, sagte er. „Jeden Euro, den ich dann schwarz verdiene, das ist dann Taschengeld.“ Er berichtete außerdem, er habe über anderthalb Jahre keine Termine im Jobcenter wahrgenommen und das Geld sei trotzdem weiter gekommen. Die Dokumentation zeigt damit nicht nur Einzelfälle, sondern auch, wie lange die Kontrolle offenbar ausgesetzt sein kann.
Fred Göcken, langjähriger Jobcenter-Mitarbeiter in Bremen, nannte das Problem ein „offenes Geheimnis“ innerhalb der Behörden. Seine Einschätzung, dass „30, 40 Prozent machen keine wahren Angaben“, trifft einen wunden Punkt, weil sie weit über die im Film gezeigten Einzelfälle hinausgeht. In Berlin-Tempelhof-Schöneberg zeigten Jobcenter-Mitarbeiter bei Hausbesuchen, wie sie Leistungsempfänger tatsächlich aufsuchen. Zugleich waren im Film Menschen zu sehen, die seit Jahren keine Termine wahrgenommen hatten und dennoch Leistungen erhielten.
Die Dokumentation gehört zur Reihe „Am Puls“ und wurde über mehrere Monate hinweg produziert. Sie trifft auf ein Bürgergeld-System, das wegen einer milliardenschweren Lücke im Bundeshaushalt ohnehin unter Druck steht. Kritiker werfen dem Modell seit Langem vor, Missbrauch zu erleichtern und zu wenige Anreize für Arbeit zu setzen. Genau deshalb fallen die Aussagen in der Sendung heute so stark ins Gewicht: Sie liefern Bilder und Stimmen für eine Debatte, die politisch längst läuft.
Der Film blieb nicht bei der Anklage stehen. Mit Leon aus Nordhausen in Thüringen zeigte er auch ein Gegenbeispiel: Dort gibt es für Bürgergeld-Empfänger eine Arbeitspflicht, und Leon muss Schnee schaufeln. Der Fall macht den Kontrast sichtbar zwischen einem System, das an manchen Stellen erstaunlich offen wirkt, und einem Ort, an dem Leistungsbezug direkt an Arbeit geknüpft ist. Nach der Ausstrahlung wird der Bericht weiter heftig diskutiert; Kritiker warfen dem Sender und Sarah Tacke Populismus vor. Genau an diesem Punkt entscheidet sich nun, ob die Debatte bei Empörung stehenbleibt oder ob die geschilderten Lücken tatsächlich Folgen für die Kontrolle des Bürgergelds haben.

