Lesen: Lukas Bärfuss schreibt über seine Mutter und die Armut ihrer Jahre

Lukas Bärfuss schreibt über seine Mutter und die Armut ihrer Jahre

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legt mit „“ ein autobiografisches Buch über seine Mutter vor, eine Frau, die nachts als Barfrau im Milieu der Prostitution rund um Thun arbeitete und tagsüber nach Reparaturen Autos in einem Autohandel putzte. Später war sie Reinigungskraft und Wäscherin. Als das Geld nicht mehr reichte, ging sie in die Dominikanische Republik. Für ihren Sohn war sie nicht vor allem Mutter, sondern eine Last. Mit 15 Jahren landete Bärfuss auf der Straße.

Das Buch setzt mit einem pinken Kontoauszug aus dem Zimmer am Callejón Imbert ein. Darauf standen am Abend vor dem Tod der Mutter noch 60 Franken. Bärfuss rechnet daraus 4 Franken und 60 Rappen pro Tag, wenn man die Summe auf die 13 Tage bis zur nächsten Rente verteilt. Die Zahl ist klein, aber sie trägt das ganze Gewicht des Buches: Sie zeigt, wie knapp das Leben dieser Frau war, bis zuletzt.

Der Schweizer Büchner-Preisträger sagte, nach „“ habe er nicht länger ausweichen können. „Nach ‚Vaters Kiste‘ oder eigentlich schon während der Arbeit an ‚Vaters Kiste‘ war mir das klar. Ich wusste, dass ich da nicht mehr ausweichen mochte und konnte“, sagte Bärfuss. Er nannte das neue Buch auch einen Brief an seine Kinder, weil diese ihre Großmutter nie kennenlernen konnten. „Und dann war es auch eine Sache, die ich für unsere Kinder gemacht habe. Es ist eigentlich auch ein Brief an meine Kinder und die hatten keine Gelegenheit, ihre Großmutter kennenzulernen und ein Schriftsteller schreibt dann halt ein Buch“, sagte er.

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Die Vorgeschichte reicht in die 1970er- und 1980er-Jahre zurück, als seine Mutter als alleinstehende arme Frau in der Schweiz lebte und verschiedene Arbeiten annahm. Bärfuss beschreibt eine Frau, die soziale Zusammenhänge kaum erkennen konnte, weil ihr die Bildung fehlte. „Sie hat es gefühlt, aber sie hatte keine Bildung, um die Zusammenhänge zu erkennen. Sie trat nach unten, nicht nach oben, und beim Anblick eines Starken, eines Erfolgreichen bekam sie weiche Knie. Nicht Angst, Bewunderung befiel sie“, sagte er. Das Buch zeichnet damit nicht nur ein Familienporträt, sondern auch die sozialen Bedingungen einer gewöhnlichen, armen Frau in der Schweiz jener Jahre.

Der schärfste Bruch liegt in der Familie selbst. Als Kind wurde der jugendliche Bärfuss von seiner Mutter an einen Bauern verkauft und musste auf dem Hof wie ein Sklave arbeiten. Später starben Freunde von ihm an Heroin auf der Straße, während er, wie er sagt, von guten Engeln geschützt wurde. Nach dem Tod der Mutter reiste er als erwachsener Schriftsteller in die Dominikanische Republik zurück. Was in „Königin der Nacht“ am Ende bleibt, ist kein Versuch der Abrechnung, sondern ein Bericht darüber, wie Armut, Scham und Verlassenwerden eine Familie zerbrechen können — und wie lange es dauert, bis ein Sohn darüber schreiben kann.

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