Heike Geißler hat mit „Michaela Kohlhaas“ einen neuen Roman vorgelegt, der Heinrich von Kleists Stoff neu erzählt. Diesmal verlässt eine Frau das System und entscheidet sich für ein Leben als obdachlose Person.
Die 1977 in Riesa geborene Autorin knüpft damit an ein Werk an, mit dem sie sich als eine der markantesten Stimmen einer poetisch zugespitzten Kritik kapitalistischer Verhältnisse etabliert hat. Bekannt wurde sie vor allem mit „Saisonarbeit“, dem viel beachteten Buch über ihre Zeit als Zeitarbeiterin bei Amazon, und mit „Verzweiflung“, das Feindseligkeit gegenüber Menschen im öffentlichen und privaten Leben zum Thema machte.
Geißlers neues Buch greift einen der berühmtesten deutschen Texte auf. In Kleists Original wird der Pferdehändler Michael Kohlhaas zum Verbrecher, weil sein Gerechtigkeitssinn mit dem Rechtssystem kollidiert. „Michaela Kohlhaas“ verschiebt diese Konstellation und macht daraus die Geschichte einer Frau, die sich gegen die Ordnung entscheidet und aus ihr herausgeht. Gerade in dieser Umkehrung liegt der Anspruch des Buches: ein Klassiker soll nicht nur fortgeschrieben, sondern gegen den Strich gelesen werden.
Der Band erscheint außerdem in einem literarischen Umfeld, in dem derzeit auch andere neue Bücher von Lukas Bärfuss und Hans-Ulrich Treichel diskutiert werden. Ein Blick zurück hilft, Geißlers Position zu verstehen: Mit „Saisonarbeit“ und „Verzweiflung“ hat sie bereits gezeigt, dass sie soziale Härte, Entfremdung und Abwehr nicht als Randthemen behandelt, sondern als Kern ihres Schreibens. „Michaela Kohlhaas“ fügt sich in diese Linie ein, indem es wieder einen Figurenkörper sucht, an dem sich gesellschaftlicher Druck ablesen lässt.
Ganz aufgegangen ist diese Neuverarbeitung nach der vorliegenden Besprechung jedoch nicht. Der Anspruch, Kleist in eine Gegenwart der Ausgrenzung und des Rückzugs zu übersetzen, ist klar erkennbar, aber die literarische Wirkung bleibt hinter dem Zugriff zurück. Geißler bleibt damit eine Autorin, deren Bücher mehr wollen als erzählen — und bei der gerade diese Ambition den Ausschlag gibt, ob ein Text trägt oder nur auf seine Idee verweist.
