Anthropic arbeitet offenbar an einer Finanzierungsrunde von bis zu 50 Milliarden Dollar und könnte damit mit rund 900 Milliarden Dollar bewertet werden. Für ein Unternehmen, das zu Jahresbeginn 2026 noch bei etwa 350 Milliarden Dollar lag, wäre das der nächste Sprung in einem Markt, der sich immer schneller um die führenden KI-Modelle dreht.
Die Runde soll laut der Darstellung von Dragoneer, Greenoaks, Sequoia Capital und Altimeter Capital getragen werden. Einzelne Zusagen sollen mehr als 2 Milliarden Dollar betragen. Anthropic kommt damit in eine Phase, in der Geld nicht nur Wachstum kaufen soll, sondern auch Rechenleistung, Strom und Zeit.
Der Druck hinter dieser Suche nach frischem Kapital ist greifbar. Die annualisierten Erlöse des Unternehmens sollen in wenigen Monaten von 9 Milliarden Dollar auf mehr als 30 Milliarden Dollar gestiegen sein. Zugleich zeigen Nutzungsdaten aus dem Ramp AI Index, dass 34,4 Prozent der befragten Unternehmen für Anthropic-Dienste zahlen; OpenAI kommt dort auf 32,3 Prozent. Salesforce-Chef Marc Benioff sagte zudem, sein Unternehmen werde rund 300 Millionen Dollar für Anthropic-Tokens ausgeben.
Hinter diesen Zahlen steht ein Geschäft, das sich in den Alltag von Unternehmen geschoben hat. Anthropic wird als Begünstigter der stark wachsenden Nachfrage nach KI-Tools für Firmen beschrieben, und das Unternehmen baut seine Infrastruktur in einem Tempo aus, das vor zwei Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre. Zugleich bleibt es unprofitabel, während die Kosten für Rechenleistung und Strom weiter steigen.
Besonders aufschlussreich ist, wie tief Anthropic inzwischen in die physische KI-Ökonomie eingreift. Das Unternehmen soll die Kontrolle über das Rechenzentrum Colossus 1 in Memphis übernommen haben, wo mehr als 220.000 Nvidia GPUs stehen. Außerdem sicherte sich Anthropic über Vereinbarungen mit SpaceX mehr als 300 Megawatt zusätzliche Leistungskapazität. Diese Größenordnung erklärt, warum Investoren trotz hoher Verluste weiter einsteigen: Ohne massive Infrastruktur lässt sich die Nachfrage nach Claude kaum bedienen.
Parallel dazu erweitert Anthropic die Zahl seiner strategischen Partnerschaften. Gemeinsam mit der Gates Foundation wurde eine Kooperation über 200 Millionen Dollar und vier Jahre angekündigt. Sie soll Claude für öffentliche Gesundheit und Bildung nutzen, unter anderem für Anwendungen in der Impfstoffforschung für Polio und HPV sowie für KI-Modelle für afrikanische Sprachen. Außerdem wurde die Partnerschaft mit Google Cloud auf 200 Milliarden Dollar ausgeweitet und soll inzwischen mehr als 40 Prozent des Auftragsbestands von Google Cloud ausmachen.
Doch die Wachstumsstory hat eine harte Rückseite. Die Infrastrukturkosten sollen kurzfristig schneller steigen als die Erlöse, und die gesamten Computing-Kosten für 2026 werden auf 190 Milliarden Dollar geschätzt. Wenn diese Entwicklung anhält, könnte sich der Zeitpunkt, an dem Anthropic die Gewinnschwelle erreicht, bis 2028 verschieben. Für ein Unternehmen, das intern offenbar einen Börsengang im Oktober 2026 anstrebt, wäre das ein riskanter Zeitplan.
Genau darin liegt die Spannung dieser Runde: Anthropic zeigt, dass Enterprise-Nachfrage im KI-Markt real und bezahlt ist. Aber das Geschäftsmodell hängt an einer Infrastruktur, deren Kosten schneller wachsen können als die Umsätze. Der nächste Test ist deshalb nicht nur, ob die Finanzierungsrunde zustande kommt. Er ist, ob das Unternehmen seine Expansion finanzieren kann, ohne dass die Rechnung am Ende den Börsengang überholt.

