Im Eurovision-Halbfinale in Wien wurde Israels Beitrag von Protesten begleitet, als Noam Bettan am Dienstag auf die Bühne trat. Der 28-jährige Künstler, der in Israel als Sohn französischer Einwanderer geboren wurde, sollte am Samstag mit seinem Song „Michelle“ im Finale antreten.
Schon zu Beginn seines Auftritts rief eine Person aus dem Publikum „Stop the Genocide“, später waren Buhrufe zu hören, und mindestens ein „Free Palestine“-Zwischenruf tauchte auf. Das offizielle Fernsehbild übertrug den Ruf nicht; nur Internetnutzer, die Handyaufnahmen aus dem Saal auswerteten, machten ihn öffentlich. Nach Bettans Auftritt wurden drei weitere Menschen wegen mutmaßlich störenden Verhaltens aus dem Saal entfernt.
Für Bettan ist der Lärm längst Teil des Wettbewerbs geworden. Seit dem 7. Oktober 2023, als nach dem Angriff auf Israel der Krieg in Gaza begann, ist das Ausbuhen israelischer Teilnehmer bei Eurovision zu einem festen Begleiter ihrer Auftritte geworden. 2024 traf es in Malmö Eden Golan mit deutlich hörbaren Buhrufen. Im vergangenen Jahr wurde Yuval Raphael in Basel ebenfalls ausgebuht und mit „Free Palestine“-Rufen konfrontiert; damals stürmten zwei mutmaßliche Angreifer auf die Bühne zu und wurden von Sicherheitskräften gestoppt.
Bettan sagte in einem Video, er habe seine eigene Anti-Buhruf-Technik eingesetzt. Er hatte nach eigenen Angaben über mehrere Monate mit Störgeräuschen geprobt, die seine Performance absichtlich unterbrachen, um bei möglichen Zwischenrufen ungerührt und spontan zu bleiben. Auch außerhalb der Bühne war die Vorsicht sichtbar: Bettan reiste wie frühere israelische Teilnehmer mit einem Sicherheitskonvoi durch den Eurovision-Betrieb.
ORF, der österreichische Sender, verzichtete für die heimischen Zuschauer in Wien auf den offiziellen Einsatz einer Anti-Buhruf-Technik. Das ist ein deutlicher Unterschied zur letzten Eurovision-Ausgabe in Wien vor elf Jahren, als Buhrufe bei der Performance der russischen Sängerin Polina Gagarina durch künstlichen Applaus ersetzt wurden. Israel versucht in diesem Jahr, seinen fünften Eurovision-Titel zu holen; Wettanbieter sahen das Land vor dem Finale auf Platz fünf von 25.
Die Mischung aus Musik, Sicherheitsmaßnahmen und offener Feindseligkeit zeigt, wie sehr sich Israels Auftritte bei Eurovision von gewöhnlichen Wettbewerbsbeiträgen entfernt haben. Bettans Halbfinale machte das nicht kleiner, sondern sichtbarer: In Wien ging es nicht nur um einen Song, sondern um die Frage, ob ein israelischer Künstler überhaupt noch ungestört singen kann.

