Marie Kreutzer hat in Cannes ihren neuen Film „Gentle Monster“ im Wettbewerb vorgestellt. Der Film ist nach ihren Worten und nach seinem Aufbau weit mehr als die Aufarbeitung des Teichtmeister-Falls: Er bleibt nicht bei dem Mann stehen, gegen den wegen Pädophilie ermittelt wird, sondern folgt vor allem den Menschen, die ihm am nächsten sind.
Im Zentrum steht Lucy, gespielt von Léa Seydoux, an ihrer Seite Philip, verkörpert von Laurence Rupp. Beide leben mit ihrem kleinen Sohn Johnny in einer großen alten Villa auf dem Land, nachdem sie von München aufs Land gezogen sind. Das Haus hat einen Garten und noch leere Zimmer, doch die Ruhe endet an dem Morgen, an dem die Polizei mit einem Durchsuchungsbeschluss für Philip vor der Tür steht.
Für den Film ist das der Einschnitt, an dem aus einer privaten Geschichte eine öffentliche Zerreißprobe wird. Johnny ist Erstklässler, und plötzlich steht die Familie nicht nur vor der Frage, was gegen Philip vorliegt, sondern auch davor, wie man mit einem Verdacht weiterlebt, der alles um sie herum vergiftet. Catherine Deneuve spielt in dem Film die Mutter und liefert den emotional schärfsten Satz des Abends: „Ich will diesen Namen nie mehr hören!“
Kreutzer erzählt den Fall dabei fast beiläufig über die Polizistin Elsa Kühn, gespielt von Jella Haase, deren Vater an Demenz erkrankt ist. Diese Verschiebung ist der eigentliche Zugriff des Films. Er nimmt den Skandal nicht als distanzierte Chronik, sondern als Erschütterung eines Umfelds, in dem Angst, Scham und Überforderung nebeneinanderstehen.
Gerade darin liegt die Kraft von „Gentle Monster“ in Cannes. Der Film will nicht erklären, sondern zeigen, was ein solcher Fall mit den Leuten macht, die bleiben müssen, wenn die Schlagzeilen längst weitergezogen sind. Deneuve gibt dieser Perspektive eine Wucht, wenn sie sagt: „Ihre Tochter solle kotzen.“ Der Satz sitzt, weil er nicht auf Auflösung zielt, sondern auf den Schaden, der zurückbleibt.
Dass Kreutzer den Stoff im Wettbewerb in Cannes zeigt, macht die Premiere heute besonders sichtbar. Hier wird der Film nicht nur als österreichische Auseinandersetzung mit einem bekannten Fall gelesen, sondern als Arbeit über familiäre Loyalität, Verdrängung und die brutale Nähe von Verdacht. Wer mehr über Kreutzers Zugriff auf die Fragen hinter dem Stoff lesen will, findet die Einordnung unter Lea Seydoux in „Gentle Monster“: Marie Kreutzer will Fragen statt Antworten.
Am Ende bleibt von „Gentle Monster“ kein Ermittlungsdrama, sondern ein Familienfilm unter Druck. Kreutzer beantwortet damit die Frage, die ihr Stoff von Anfang an mitbringt: Das Zentrum des Films ist nicht Philip, sondern die Menschen, die seinen Fall aushalten müssen. Genau dort setzt seine Wirkung an.

