Joan Collins betrat in dieser Woche in Cannes den roten Teppich in einem weißen, skulpturalen trägerlosen Kleid von Stéphane Rolland. Mit 92 Jahren gehörte sie damit zu den auffälligsten Gesichtern des Festivals, das in diesem Jahr erneut von älteren Frauen geprägt ist, die mit Stil und Selbstinszenierung Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Auch Jane Fonda setzte ein Zeichen und trug ein bodenlanges, mit Pailletten besetztes Kleid von Gucci. Isabella Rossellini wurde in einem markanten, gemusterten Zweiteiler gesehen, während Catherine Deneuve in dunkelgrünem Satin und mit Creolen elegant auftrat. Collins und Rossellini sind in Cannes, um den Wallis-Simpson-Film My Duchess zu promoten.
Für Alyson Walsh ist genau das bemerkenswert. Sie sagte, sie finde es fantastisch, dass man „viel ältere Frauen“ sehe, und nannte Collins „super-glamourös“, „im gleichen Alter wie meine Mutter, das ist schon ziemlich unglaublich“. Walsh, die 2008 die Website That’s Not My Age gründete, verweist damit auf einen Wandel, der zwar sichtbarer wird, aber noch immer selten ist: Mode auf dem roten Teppich wird für Frauen jenseits der 70 zwar lauter, aber nicht automatisch normal.
Der Trend hat auch eine widersprüchliche Seite. Deborah Jermyn brachte den Kern des roten Teppichs auf den Punkt: Er sei der Ort, an dem man sagen wolle: „Ich will das Rampenlicht auf mir. Schaut mich an.“ Genau dort zeigt sich laut Walsh das Paradox, das den Auftritt älterer Frauen weiter begleitet: „Man darf alt sein, solange man nicht alt aussieht.“
Dass Frauen über 70 in Cannes 2026 mehr Schlagzeilen für ihren Stil bekommen, ist deshalb mehr als ein Modeeffekt. Es trifft auf ein Publikum, das ältere Gesichter seltener als selbstverständlich wahrnimmt, obwohl der gesellschaftliche Wandel längst da ist. Ein Bericht des Unterhauses von 2024 sagte voraus, dass bis 2072 27 Prozent der Menschen in Großbritannien über 65 sein werden. Die Sichtbarkeit auf dem roten Teppich wirkt damit wie ein kleiner, aber symbolisch aufgeladener Vorgriff auf eine ältere Gesellschaft, die sich noch immer an ihrer eigenen Darstellung abarbeitet.
Collins’ Auftritt beantwortet am Ende die Frage, warum sie in Cannes erneut so viel Aufmerksamkeit bekommt: weil sie mit 92 nicht nur mitspielt, sondern die Bühne beherrscht. In einer Umgebung, in der Jugend oft als Währung gilt, ist genau das ihre Aussage.
