Lesen: Benjamin Von Stuckrad-barre und Udo Lindenberg: Streit um „Nina“ flammt auf

Benjamin Von Stuckrad-barre und Udo Lindenberg: Streit um „Nina“ flammt auf

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wird am 17. Mai 80. Kurz vor diesem Geburtstag ist ausgerechnet ein altes Lied des Altmeisters wieder zum Streitfall geworden: „“, 1976 veröffentlicht, steht wegen seiner Zeilen über ein 14-jähriges Mädchen erneut im Zentrum einer Debatte.

Die Diskussion dreht sich damit nicht um „“ und auch nicht um das Lied mit Oberindianer Honey. Es geht um „Nina“, um die Frage, wie man auf einen Text blickt, der schon 1976 verstörend war, und warum er heute wieder verstört. Der Schriftsteller könnte sich dafür womöglich einen neuen Helden suchen müssen, wenn er weiter nach Vorbildern aus der Popgeschichte greift.

Dass Lindenberg jetzt noch einmal auf diese Weise verhandelt wird, hat mit seiner Rolle in der deutschen Musik zu tun. Er hat den deutschsprachigen Rock geprägt wie kaum ein anderer. Genau deshalb trifft der Vorwurf härter, wenn es um eine Figur geht, die für viele nicht nur Sänger, sondern auch Projektionsfläche war. Wer an Lindenberg rührt, rührt an ein Stück Kulturgeschichte.

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Der Anlass für die neuerliche Debatte ist ein verändertes gesellschaftliches Empfinden. Was früher in Teilen der Popkultur über Jahrzehnte normalisiert wurde, fällt heute unter einen anderen Blick. Die romantische Verklärung sehr junger Mädchen durch ältere Männer wird inzwischen nicht mehr als beiläufige Provokation abgetan, sondern als das gelesen, was sie ist: ein Problem. Das erklärt auch, warum alte Texte plötzlich anders klingen, obwohl sie unverändert geblieben sind.

Genau darin liegt die Spannung dieser Auseinandersetzung. Es geht nicht darum, ob man die Vergangenheit mit heutigen Maßstäben einfach auslöschen darf. Es geht darum, dass manche Hörer alte Kunst inzwischen mit einem moralischen Metalldetektor der Gegenwart absuchen. Der Satz eines Unbekannten, „In diesem Land werden langsam alle blöd“, bringt die Gereiztheit dieser Debatte auf den Punkt. Zwischen dem Wunsch, ein kulturelles Denkmal zu schützen, und der Weigerung, problematische Zeilen zu entschuldigen, bleibt wenig Raum für Bequemlichkeit.

Am Ende beantwortet die Diskussion weniger die Frage, was aus „Nina“ wird, als die, wie Deutschland heute auf die eigene Popgeschichte schaut. Der Streit zeigt, dass sich der Maßstab verschoben hat. Ein Lied von 1976 kann 2025 nicht mehr so gelesen werden wie damals, und genau deshalb ist diese Debatte mehr als ein Nebenkriegsschauplatz zum 80. Geburtstag von Udo Lindenberg.

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