Haití beginnt am Samstag um 22:00 Uhr argentinischer Zeit gegen Escocia im Gillette Stadium in Foxborough. Es ist der erste Auftritt des Landes bei einem World Cup seit 52 Jahren — und für viele auf der Insel ein Moment, auf den sie lange gewartet haben.
Dass dieser Abend gerade jetzt so viel Aufmerksamkeit zieht, hat mit der Geschichte dahinter zu tun. Haití hatte sich am 19. November des vergangenen Jahres für diese Ausgabe des Turniers qualifiziert. In Gruppe C trifft das Team nun auf Brasil, Marruecos und Escocia, eine Konstellation, die schon auf dem Papier kaum Raum für einfache Wege lässt. Patrice Dumont beschreibt Fußball in Haití als etwas, das überall dort weiterläuft, wo Platz ist: vom Drei-gegen-Drei bis zum Elf-gegen-Elf.
Die Bedeutung geht über den Sport hinaus. Haití hat zwölf Millionen Einwohner, und die Rückkehr ins Turnier fällt in eine Zeit politischer Unordnung und humanitärer Not. 90 Prozent der Hauptstadt stehen unter der Kontrolle von Banden und ihrer Gewalt. In einem Land, das als das ärmste in América beschrieben wird, hat ein Spiel plötzlich das Gewicht eines öffentlichen Ausatmens.
Gerade deshalb ist der Kontrast so hart. Als Haití 1974 erstmals bei einem World Cup in Germany spielte, stand das Land auf einer anderen Bühne, mit Italia, Argentina und Polonia in derselben Gruppe. Heute ist sogar das Sylvio-Cator-Stadion mit seinen rund 15.000 Plätzen kein sicherer Bezugspunkt mehr, weil Kriminelle dort das Sagen haben. Dumont nennt Fußball einen Ort heidnischer Zeremonien, der selbst die überzeugtesten Fans erblassen lassen würde — ein Satz, der in diesen Tagen fast wie eine Beschreibung eines Landes klingt, das sich seinen öffentlichen Raum zurückholen muss.
Für Haití zählt am Samstag deshalb nicht nur der Beginn gegen Escocia, sondern die Frage, wie weit dieses Team in einer Gruppe kommen kann, die kaum Fehltritte erlaubt. Der erste Anstoß in Foxborough wird zeigen, ob die Rückkehr nach 52 Jahren nur ein Symbol bleibt oder zum Start eines echten Turniers wird.

