Alexander Zverev ist bei den French Open jetzt der große Titelfavorit. Der 27-Jährige profitiert davon, dass Jannik Sinner schon in der zweiten Runde ausgeschieden ist und Carlos Alcaraz wegen einer Verletzung gar nicht erst gestartet ist.
Warum die Suche nach Zverev in Paris heute so hoch ist, liegt genau an diesem Bruch im Tableau. Aus einem engen Rennen ist binnen kurzer Zeit eine offene Chance geworden, und der Deutsche geht mit einem klareren Weg zum Titel in die nächste Turnierphase. Es geht dabei um mehr als eine gute Ausgangslage: Zverev jagt in Roland Garros noch immer seinen ersten Grand-Slam-Titel, und nach drei verlorenen Endspielen wäre ein Sieg in Paris ein Einschnitt in seiner Karriere.
Ganz frei ist der Weg trotzdem nicht. Novak Djokovic bleibt mit seiner Erfahrung und Klasse gefährlich, obwohl er kurz vor Turnierbeginn 39 Jahre alt wurde und in Paris seinen 25. Grand-Slam-Titel anpeilt. Mit diesem Erfolg wäre der Serbe alleiniger Rekordhalter, denn derzeit teilt er sich die Bestmarke mit Margaret Court. Boris Becker sagte vor dem Turnier, er habe sich ein wenig Sorgen um seinen Freund gemacht, betonte aber zugleich, dass bei Grand Slams immer wieder Djokovic der Spieler sei, der es schaffen könne.
Auch Casper Ruud gehört zu den Namen, die Zverev im Blick behalten muss. Der Norweger ist ein Spezialist auf Sand und stand bei den French Open schon 2022 und 2023 im Endspiel. In Paris verlor er erst gegen Rafael Nadal, dann gegen Djokovic, und zuletzt unterlag er im Finale von Rom Jannik Sinner. Ruud weiß selbst, wie schmal der Grat auf diesem Belag ist. Er sagte einmal, er werde in diesem Sport wahrscheinlich keine großen Rekorde brechen, wolle aber im Rahmen seiner Karriere und auf seinem eigenen Weg sein Bestes geben.
Dann ist da noch Jódar, der als geheimer Favorit gehandelt wird. Der 19 Jahre alte Spanier stand vor einem Jahr noch außerhalb der Top 600, ist inzwischen aber unter den besten 30 der Welt angekommen und erreichte in Madrid und Rom jeweils das Viertelfinale bei Masters-1000-Turnieren auf Sand. Dass ein Spieler mit diesem Aufstieg plötzlich in der Nähe des Titels genannt wird, zeigt, wie offen das Feld hinter Zverev geworden ist.
Genau darin liegt für den Deutschen aber auch die Gefahr. Philipp Kohlschreiber warnte, Zverevs Problem könne sein, schon zu früh an ein mögliches Finale am 7. Juni zu denken. Das wäre kein kleines Ablenkungsmanöver, sondern ein alter Fehler mit neuem Gewicht. Zverev kennt die Bühne, auf der er verlieren kann: Im US-Open-Finale 2020 führte er gegen Dominik Thiem mit zwei Sätzen und stand bis auf zwei Punkte vor dem Titel, ehe er noch verlor. Zwei weitere Grand-Slam-Finalniederlagen kamen später hinzu.
Deshalb ist Paris für Zverev jetzt so offen und zugleich so heikel. Der Weg zum ersten Major-Titel war selten günstiger, doch die Frage ist nicht mehr, ob er im Feld die besten Voraussetzungen hat. Sie lautet, ob er sie bis zum Ende halten kann, ohne gedanklich schon am Netz des Finals zu stehen.

