Russland hat in der Nacht zum Sonntag einen der schwersten Angriffe auf die ukrainische Hauptstadt Kyiv seit Beginn des Krieges geflogen. Bei massiven Raketen- und Drohnenangriffen wurden mindestens vier Menschen getötet und mehr als 100 weitere verletzt.
In der ganzen Stadt wurden zahlreiche Gebäude zerstört. Unter den getroffenen Zielen waren auch Regierungsgebäude, darunter das Außenministerium und das Kabinettsgebäude. Ukrainische Medien berichteten zudem von Schäden an einem Haus, in dem Präsident Wolodymyr Selenskyj eine Wohnung besitzt. Der Angriff traf damit nicht nur Wohnviertel, sondern auch das Machtzentrum des Landes.
Für Kyiv war es einer der schwersten Einschläge seit dem Beginn von Russlands Krieg gegen die Ukraine. Gerade das macht den Zeitpunkt brisant: Die Schäden sind nicht auf militärische Stellungen begrenzt, sondern reichen tief in die zivile und staatliche Infrastruktur hinein. Das ist auch der Grund, warum die Reaktion aus Europa so scharf ausfiel.
EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas warf Russland nukleares Säbelrasseln vor und bezeichnete den Einsatz der Oreschnik-Mittelstreckenrakete als politisches Einschüchterungsmanöver. Sie sagte, Russland sei auf dem Schlachtfeld in einer Sackgasse gelandet und terrorisiere deshalb die Ukraine mit gezielten Angriffen auf Stadtzentren. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach von Missachtung für Menschenleben und Friedensverhandlungen und sagte: Terror gegen Zivilisten sei keine Stärke, sondern Verzweiflung.
Auch andere westliche Regierungschefs verurteilten den Beschuss. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sprach von einer Sackgasse. Bundeskanzler Friedrich Merz nannte den Angriff und den Einsatz des Raketensystems eine rücksichtslose Eskalation und sagte, Deutschland stehe weiter fest an der Seite der Ukraine. Kanadas Regierungschef Mark Carney forderte Russland auf, diese Angriffe unverzüglich einzustellen und den illegalen Angriffskrieg zu beenden. Sie verlängerten das Leid der Menschen und änderten nichts daran, dass Russland diesen Krieg verlieren werde.
Die Oreschnik gilt als nuklearfähige Mittelstreckenrakete. Nach Angaben des Kremls kann sie mehr als 12.000 Kilometer pro Stunde fliegen und Ziele in einer Entfernung von 3.000 bis 5.500 Kilometern erreichen. Eingesetzt wurde das neue System nach den vorliegenden Angaben schon zweimal zuvor gegen Ziele in der Ukraine, damals mit konventionellen Sprengköpfen. Genau das verstärkt jetzt die Sorge, dass Moskau die Schwelle zwischen Signalpolitik und weiterer militärischer Eskalation bewusst verwischt. Kyiv hat die Rechnung dafür schon bezahlt.
Ukrainischer Außenminister Andrij Sybiha sagte, Wladimir Putin versuche, die Ukraine einzuschüchtern, indem er Zivilisten angreife und Wohngebäude, Museen, Schulen sowie kritische Infrastruktur zerstöre. Nach dem Angriff auf Kyiv bleibt damit vor allem eines offen: ob die internationale Empörung in konkreten Druck auf Moskau übersetzt wird oder ob die nächste Nacht schon die nächste Zerstörung bringt.

