30 Autorinnen und Autoren haben sich mit einem offenen Brief vom Westend Verlag abgewandt. Auslöser ist das Erscheinen des von Julian Reichelt und Pauline Voss herausgegebenen Bandes „Links – Deutsch / Deutsch – Links“ bei dem Verlag, der lange als links galt.
Die Unterzeichner werfen dem Haus vor, sein Spektrum bis zur extremen Rechten erweitert zu haben. Zugleich erkennen sie ausdrücklich das Recht des Verlags an, zu veröffentlichen, was er will, auch wenn er damit rechten Kulturkämpferinnen und -kämpfern eine Plattform bietet. Zuvor hatten sie nach eigenen Angaben das Gespräch mit dem Verlag gesucht, seien damit aber nicht durchgedrungen.
Für die Kritik steht auch Stephan Hebel. Er sagte, das Buch sei für ihn „AfD-Sprech in Reinkultur“. Zudem werde so getan, als seien alle fortschrittlichen Elemente wie Energiewende oder Geschlechtergleichheit Ausdruck einer linken, unterdrückerischen Hegemonie. Der Vorwurf trifft damit den Kern der Auseinandersetzung: Nicht nur ein Titel, sondern die Frage, wie weit ein Verlag gehen will, ohne seine frühere Linie aufzugeben.
Der Westend Verlag weist das zurück. Das Unternehmen erklärte, seit jeher pflege es mit seinen Autorinnen und Autoren einen engen und diskursiven Austausch. „Deswegen stehen unsere Türen, wie jeder weiß und auch in Anspruch nimmt und nahm, immer offen“, hieß es weiter. Abweichende Positionen, die sich innerhalb des demokratischen Rechtsrahmens bewegten, würden bei ihm nicht diskreditiert, sondern als Beiträge zu einer offenen Debatte ernst genommen.
Der Streit trifft einen Verlag, der 2004 in Frankfurt gegründet wurde und seit einigen Jahren seinen Sitz in Neu-Isenburg bei Offenbach hat. Westend verstand sich lange als Plattform für kritische, linke Perspektiven; dort erschienen früher unter anderem Bücher von Andrea Ypsilanti, Stephan Hebel und Gregor Gysi. 2020 erhielt der Verlag den Deutschen Verlagspreis, stand aber schon länger auch wegen seiner publizistischen Partnerschaft mit den NachDenkSeiten in der Kritik.
Genau darin liegt der Bruch, den der offene Brief jetzt sichtbar macht: Ein Haus, das sich über Jahre als Ort linker Gegenöffentlichkeit verstanden hat, gerät unter Druck, weil es mit „Links – Deutsch / Deutsch – Links“ ein Buch veröffentlicht hat, das seine früheren Autoren als Grenzverschiebung nach rechts lesen. Der Verlag hält dagegen, dass Offenheit auch unbequeme Positionen einschließe. Die 30 Unterzeichner haben ihre Konsequenz bereits gezogen.

