Amnesty International wirft den Behörden in Indonesien vor, koordinierte Desinformationskampagnen zu dulden und teils selbst zu nutzen, um Regierungskritiker als ausländische Agenten hinzustellen. In einem neuen Bericht mit dem Titel „Building up Imaginary Enemies“ heißt es, die Angriffe zielten auf Journalisten, Aktivisten, Wissenschaftler und Demonstranten und sollten Widerspruch im Land zum Schweigen bringen.
Die Organisation sagte, die Kampagnen hätten in den 18 Monaten seit Amtsantritt von Präsident Prabowo Subianto im Oktober 2024 zu einem zentralen Mittel der Einschüchterung werden können. Generalsekretärin Agnès Callamard sagte, autoritäre Praktiken hätten sich unter der Regierung beschleunigt. Nach ihren Worten zeige Amnestys Forschung, dass Online-Desinformation genutzt werde, um Regierungskritiker systematisch zu diskreditieren, die öffentliche Debatte abzuwürgen und Repression zu rechtfertigen, während soziale Netzwerke wegschauten.
Besonders im Visier standen laut dem Bericht Menschen, die gegen Korruption, Haushaltskürzungen, Umweltzerstörung und ausgeweitete Befugnisse des Militärs protestierten. Seit Prabowo sein Amt angetreten hat, kam es in Indonesien zu mehreren Protestwellen. Amnesty sagt, Prabowo und ranghohe Regierungsvertreter hätten Kritiker wiederholt öffentlich als bezahlt, manipuliert und von ausländischen Interessen kontrolliert dargestellt. Das habe den Boden für die späteren Kampagnen bereitet.
Der Bericht beschreibt Muster, die sich laut Amnesty kaum als zufällige Posts erklären lassen: Bei den falschen Vorwürfen gegen zivilgesellschaftliche Gruppen seien oft Hunderte Konten gleichzeitig aktiv gewesen. Sie hätten identische Videos, Grafiken oder Nachrichten in schneller Folge verbreitet, über Instagram, Facebook, X, TikTok und YouTube. Aus dieser koordinierten Struktur schließt Amnesty, dass die Konten mit der Absicht zur Täuschung falsche Behauptungen streuten. Meta, TikTok, X und YouTube hätten schädliche Desinformation online belassen.
Für Betroffene blieb das nicht folgenlos. Menschen, die Amnesty befragte, sagten, die Stempelung als ausländische Agenten habe ihre Arbeit und Glaubwürdigkeit beschädigt. Sie habe außerdem das Risiko einer Strafverfolgung erhöht und sie körperlicher Gewalt ausgesetzt. Der Bericht sagt auch, dass digitale Kampagnen in der Vergangenheit häufig in echte Gewalt umgeschlagen seien; im März 2026 sei dies erneut geschehen. Andrie Yunus, damals stellvertretender Koordinator einer im Bericht nicht namentlich genannten Gruppe, gehört zu den Menschen, die die Folgen solcher Angriffe nach Amnestys Darstellung unmittelbar erlebt haben.
Hinter der Debatte steht auch eine juristische Frage, die weit über Indonesien hinausreicht: Nach internationalem Recht haben zivilgesellschaftliche Organisationen und Medien das Recht, internationale Finanzierung zu erhalten. Amnesty beschreibt die Vorwürfe über angebliche ausländische Agenten deshalb nicht nur als politische Attacke, sondern als wachsendes Muster unter der Regierung Prabowo. Die eigentliche Prüfung kommt nun auf die Plattformen und die Behörden zu, die entscheiden müssen, ob sie weiter zusehen oder die Kampagnen stoppen, bevor aus digitaler Diffamierung wieder reale Gewalt wird.

