Beim Katholikentag in Würzburg trafen am Donnerstag zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen von Synodalität hart aufeinander. Kardinal Mario Grech stand auf dem Podium „Synodalität als Strukturprinzip der Kirche – Initiativen aus den Ortskirchen im Gespräch“ nicht nur für fünf Minuten auf der Bühne, sondern sprach zwanzig Minuten lang über das Bild einer Kirche als Klangkörper.
Grech beschrieb Synodalität als die „Symphonie der Gemeinschaft“. Sie sei keine bloße Summe von Meinungen und auch nicht einfach eine Abstimmung, die Mehrheiten hervorbringe, sondern Harmonie. Damit setzte er den Ton für eine Debatte, die in Würzburg weit über eine theologische Begriffsklärung hinausging und sofort an die Frage rührte, wer in der Kirche mitspielen darf und wer nicht.
Finja Miriam Weber griff genau das auf. Sie fragte Grech vor dem Publikum, wer in diesem Orchester eigentlich der Dirigent sei, wie die Instrumente verteilt würden und wer welches Instrument spiele. Weber sagte, sie dürfe als Frau nicht jedes Instrument spielen, nur weil sie eine Frau sei. Ihre drei Fragen machten aus dem Bild von der Gemeinschaft eine Machtfrage, und sie trafen einen wunden Punkt in einer Kirche, die in Deutschland seit Jahren über Beteiligung, Ämter und Grenzen von Mitbestimmung ringt.
Grech antwortete mit einem neuen Bild: Jesus sei der Komponist, der Heilige Geist der Dirigent. Der Kardinal wich damit der Grundfrage nicht aus, verschob sie aber in eine geistliche Deutung, in der nicht ein einzelnes Mitglied des Orchesters den Takt angibt. Gerade dieser Wechsel zeigte, wie tief der Gegensatz zwischen den Gesprächspartnern verlief. Für Weber ging es um konkrete Zugänge und Ausschlüsse. Für Grech stand die Einheit des Ganzen im Vordergrund.
Der Konflikt in Würzburg fiel auf einen Tag, an dem die Spannung in der deutschen Kirche ohnehin greifbar war. Schon beim Podium „Synodaler Weg – Quo vadis?“ hatten hunderte Menschen auf Einlass gewartet. Dort sagte Heiner Wilmer über die Recognitio der Synodalkonferenz: „Ich bin zuversichtlich in Geduld.“ Irme Stetter-Karp erklärte beim Katholikentag, sie hoffe, dass die deutschen Bischöfe und die Kirche in Deutschland keine weiteren Stoppschilder aus Rom erhalten werden. Beide Sätze zeigen, wie sehr die nächste Entscheidung aus dem Vatikan die Stimmung prägt.
Genau darin liegt die Reibung, die in Würzburg sichtbar wurde. Der deutsche Synodale Weg hatte Beschlüsse verabschiedet, die kirchenrechtlich nicht bindend waren, während Rom früh klarstellte, dass sie keine unmittelbare rechtliche Kraft entfalten. Nun wartet die Kirche in Deutschland auf den nächsten Schritt zur geplanten bundesweiten Synodalkonferenz. Was in Würzburg zu hören war, war deshalb nicht nur ein Streit über Metaphern. Es war der offene Gegensatz zwischen einem deutschen Verständnis von Reform durch Beteiligung und einem römischen Verständnis von Synodalität, das die Grenzen des Entscheidbaren enger zieht.
Für die Kirche in Deutschland bleibt damit die entscheidende Frage nicht, ob weiter diskutiert wird. Das ist längst sicher. Entscheidend ist, ob der Vatikan für die geplante Synodalkonferenz einen Rahmen setzt, in dem sich die deutschen Reformdebatten wiederfinden, oder ob die Kluft zwischen Orchesterbild und Ordnungsfrage bestehen bleibt. In Würzburg war diese Kluft schon nicht mehr zu übersehen.
