Deutschland kommt beim Eurovision Song Contest seit Jahren nicht aus dem Mittelfeld der Enttäuschungen heraus. 2012 wurde Roman Lob mit „Standing Still“ Achter, 2018 holte Michael Schulte noch einmal den vierten Platz – dazwischen und danach blieb von deutschen Beiträgen meist wenig mehr als ein kurzer Auftritt und ein schnelles Vergessen.
Für den Musikforscher Irving Wolther ist das kein Zufall. „Wir als Deutsche haben den Song Contest nie als die politische Plattform gesehen und begriffen, die er ist“, sagte er mit Blick auf einen Wettbewerb, der für andere Länder längst weit mehr ist als nur eine Fernsehshow. Serbien schickte einmal einen Beitrag über das kränkelnde Gesundheitssystem, Griechenland einen über Kaufrausch und Konsumwahn. Deutschland dagegen reichte eine „Stinkefingerpuppe“ ein – ein Beispiel dafür, wie wenig hierzulande oft mit dem politischen und gesellschaftlichen Potenzial des ESC gearbeitet wird.
Der Wettbewerb erreicht nach Angaben der Veranstalter rund 160 Millionen Menschen. Genau darin liegt für Länder mit klarer Botschaft eine Bühne von außergewöhnlicher Reichweite. In Deutschland aber läuft die Auswahl anders. Der öffentlich-rechtliche Sender ist der Gatekeeper für den ESC-Beitrag, und nach dem Bild, das Wolther zeichnet, trifft er seine Entscheidungen zu oft für ein Publikum, das nicht das des Contests ist. Eine GfK-Studie zeigt, dass der durchschnittliche ARD-Zuschauer über 60 Jahre alt ist. Der ESC hingegen lebt von einem deutlich jüngeren, paneuropäischen Publikum, das für andere Töne offen ist und in vielen Ländern auch soziale und politische Reibung erwartet.
Wolther macht daraus keinen Schönheitsfehler, sondern einen Strukturmangel. „Wenn man den Slot nach der Pipi-Pause zugelost bekommt, hat man einfach schlechte Karten“, sagte er über die Startposition im Wettbewerb, die für Wahrnehmung und Abstimmung oft entscheidend ist. Die deutsche Schwäche beim ESC ist damit nicht bloß eine Frage einzelner schwacher Songs, sondern eine Folge davon, dass Deutschland den Wettbewerb lange anders verstanden hat als seine Nachbarn. Seit Roman Lob hat sich nur Schulte wirklich als Lichtblick eingebrannt; sonst blieb Deutschland im europäischen Vergleich zu oft unsichtbar.
Dass der SWR inzwischen die Verantwortung für den deutschen ESC-Beitrag übernommen hat, ändert an dieser Ausgangslage nur dann etwas, wenn sich auch die Haltung ändert. Deutschland braucht für diesen Wettbewerb keinen weiteren Beitrag, der nur im eigenen Fernsehen funktioniert. Es braucht einen, der im europäischen Raum gelesen wird. Genau daran wird sich messen lassen, ob Guildo Horn Esc mehr ist als ein weiterer deutscher Versuch, den Wettbewerb mit den Regeln von gestern zu gewinnen.
