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Gentle Monster Film: Marie Kreutzer blickt auf Verdacht, Schweigen und Lucy

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Ein Mann wird von der zum Verhör mitgenommen, und für seine Frau Lucy beginnt in Marie Kreutzers Gentle Monster Film sofort ein Absturz. Noch bevor Namen und Titel erscheinen, zieht der Film die Zuschauer in eine Welt, in der ein Aufzug mit dem Hinweis „Kinderpornografie / Jugendpornografie“ neben dem Knopf für das Stockwerk steht.

Lucy, gespielt von Léa Seydoux, ist eine französische Pianistin. Ihr österreichischer Ehemann Philip, verkörpert von , wird von der Kriminalpolizei befragt, und wenig später bringt sie ihren neunjährigen Sohn Johnny zu ihrer Mutter, die spielt. Das Geschehen bleibt eng bei Lucy, nicht bei Philip, und genau daraus zieht der Film seine Wucht: Seydoux liefert eine grandiose Tour-de-force, die den Stillstand, die Angst und die Wut dieser Frau trägt.

Der Film ist dicht erzählt und extrem intensiv. Er setzt ein nach einem Umzug der Familie in ein neues Haus auf dem Land, der auf Philips Burnout folgte, und macht aus dieser scheinbar ruhigen Kulisse einen Ort der Beklemmung. Für Lucy gibt es nur noch Kommissarin Elsa, gespielt von , an die sie sich wenden kann. Elsa spricht dabei von „um die Probleme der Frauen“, und dieser Satz rahmt den Blick des Films auf eine Frau, die sich durch eine Ermittlungslogik kämpfen muss, die ihr Leben von außen zerlegt.

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Die Untersuchung selbst ist Teil der Spannung. Beschlagnahmte Festplatten werden ausgewertet, und das kann laut Beschreibung Monate dauern; aktive Missbrauchsfälle haben Vorrang. In dieser zähen Zeit des Wartens liegt der eigentliche Druck des Films. Er erzählt nicht von einer schnellen Enthüllung, sondern von einer Familie, die in der Schwebe hängt, während der Vorwurf immer schwerer wird und das Schweigen immer lauter.

Kreutzer hat in früheren Arbeiten schon mit psychologischer Bedrängung gearbeitet; und verband sie bereits mit Elementen des Paranoia-Thrillers. Hier aber stellt sie die Frage nach Schuld und Verdrängung noch härter. Auch ihre eigene Erfahrung mit Corsage fließt ein: Sie sagte, sie habe dazu geneigt, dem männlichen Hauptdarsteller zu glauben, als er die Vorwürfe in den Medien bestritt. Später gestand Florian Teichtmeister den Besitz von mehr als 76.000 Dateien mit kinderpornografischen und jugendpornografischen Inhalten ein.

Der Film trägt seinen Titel als Verweis auf Philips Online-Pseudonym. Und er macht aus dieser Tarnung kein Rätsel, sondern einen Befund: Wer schaut hin, wenn ein Mann „Ich habe nur für eine TV-Dokumentation recherchiert“ sagt, und was bleibt einer Frau, die nach dem Verdacht nur noch zwischen Polizei, Mutter und Kind vermittelt? Kreutzers Antwort ist klar. Im Zentrum steht nicht die Ausrede, sondern Lucy — und ihr Kampf darum, nicht von der Geschichte eines anderen verschluckt zu werden.

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