BioNTech streicht fast 1.900 Stellen und beendet die mRNA-Produktion in Deutschland weitgehend. Der Mainzer Konzern stellte die Pläne am Freitag bei einer virtuellen Hauptversammlung vor und koppelt den harten Schnitt an den Anspruch, sich bis 2030 zu einem größeren Pharmaspieler zu entwickeln.
Die Einschnitte treffen vor allem die Standorte Marburg, Idar-Oberstein und Tübingen, die geschlossen werden sollen. Damit endet die industrielle mRNA-Produktion in Deutschland praktisch. Gleichzeitig will BioNTech die Kräfte auf den nächsten großen Schritt lenken: mehrere Krebsmedikamente sollen bis 2030 marktreif sein.
Ugur Sahin bedankte sich bei den Beschäftigten und sagte, sie hätten „Herausragendes geleistet“; zugleich sprach er von „großen Respekt und Dankbarkeit“ für die Arbeit der vergangenen Jahre. Der Vorstand sieht das Unternehmen in einer „Phase des Übergangs“: weg vom forschungsgetriebenen Biotech-Unternehmen, hin zu einem Konzern mit stärkerem kommerziellem Fokus. Dazu passen die Pläne, Expertise in Vertrieb und Marketing, Markteinführung und klinischer Entwicklung auszubauen.
BioNTech arbeitet bereits an mehr als 25 möglichen Krebsmedikamenten in den klinischen Phasen 2 und 3. Im Zentrum des Anlegerblicks steht dabei vor allem das Bispezifik-Antikörperprogramm, das der Konzern gemeinsam mit Bristol Myers Squibb vorantreibt. Für den Markt ist das der eigentliche Prüfstein hinter dem Umbau: Gelingt der Sprung in die Onkologie, könnte BioNTech den Verlust des Pandemie-Geschäfts langfristig kompensieren.
Der Umbau fällt in eine Phase, in der die Gründungsfiguren sich zurückziehen. Sahin und Özlem Türeci kündigten im März an, sich bis Ende des Jahres aus BioNTech zurückziehen zu wollen; der Konzern sucht bereits nach Nachfolgern. Auch der Verwaltungsrahmen soll wachsen: Der Aufsichtsrat soll von sechs auf acht Mitglieder erweitert werden. Zugleich verwies BioNTech auf 16,8 Milliarden Euro an liquiden Mitteln, ein Polster, das den Konzern durch die teure Übergangszeit tragen soll.
Für die Biontech Aktie bleibt damit nicht die Frage, ob sich das Unternehmen verändert, sondern wie schnell der Umbau in belastbare Umsätze übersetzt wird. Die Börse hat auf den angekündigten Abschied der Gründer bereits mit einem Kursrückgang reagiert, sich danach aber nur teilweise erholt. Der Freitag markiert deshalb nicht nur einen Stellenabbau, sondern den sichtbarsten Schritt in einem Wechsel, der BioNTechs nächste Jahre prägen dürfte.
