Mit „Vaterland“ ist bei den 79. Internationalen Filmfestspielen in Cannes ein Film gestartet, der Thomas Manns Rückkehr nach Deutschland neu erzählt. Sandra Hüller spielt darin Erika Mann, an der Seite von Hanns Zischler als Thomas Mann, auf einer Fahrt durch das zerstörte Nachkriegsdeutschland.
Der Film von Paweł Pawlikowski läuft im internationalen Wettbewerb um die Goldene Palme und verlegt die Reise von 1949 in ein düsteres Schwarzweiß. Gezeigt wird, wie Vater und Tochter von Frankfurt am Main ins sowjetisch kontrollierte Weimar fahren, vorbei an Orten wie Goethes Gartenhaus und dem Deutschen Nationaltheater. Die Inszenierung macht aus der historischen Stationenfolge ein Roadmovie durch ein Land, das Knut Elstermann als „ein Roadmovie durch ein in jeder Hinsicht zerstörtes Land“ beschreibt.
Die eigentliche Reise Thomas Manns im Jahr 1949 hatte einen anderen Verlauf. Der Schriftsteller kehrte damals aus dem Exil in die Vereinigten Staaten nach Deutschland zurück, um an Goethes 200. Geburtstag teilzunehmen. In Frankfurt und Weimar erhielt er die Goethe-Medaille, den Goethe-Preis und die Ehrenbürgerwürde von Weimar. Begleitet wurde er auf dieser Rückkehr nicht von Erika Mann, sondern von seiner Frau Katia.
Genau dort setzt die Spannung des Films an. Erika Mann lehnte eine Rückkehr nach Deutschland ab, und die enge Vater-Tochter-Beziehung, die „Vaterland“ zwischen ihr und Thomas Mann herstellt, hat es in dieser Form historisch nicht gegeben. Der Film baut dennoch bewusst auf dieser Verbindung auf und lässt daraus ein Verhältnis entstehen, das Elstermann als aufschlussreich und berührend beschreibt. Er nennt Erika Mann eine „sehr glühende Antifaschistin“ und Thomas Mann „als letzter großer Repräsentant der bürgerlichen deutschen Kultur“.
Die Wahl von Sandra Hüller und Hanns Zischler verstärkt diese Lesart. Hüllers Erika wirkt nicht als Begleitung am Rand, sondern als Figur, die den Blick auf ihren Vater in einer Zeit schärft, in der die Schatten von 1933 und 1938 noch in Deutschland nachhingen. Der Film zeigt kein versöhnliches Heimkommen, sondern ein „unheimliches Deutschland“, in dem, so Elstermann, die schrecklichen Geister noch lebendig sind und das furchtbare Geschehen noch präsent ist. Damit wird aus der historischen Rückkehr ein Film über Erinnerung, Schuld und die Frage, wie man in ein Land zurückkehrt, das sich selbst noch nicht wiedergefunden hat.
Dass Pawlikowski diese Geschichte gerade in Cannes und im Wettbewerb um die Goldene Palme vorlegt, ist folgerichtig: „Vaterland“ ist weniger ein klassisches Historienbild als ein strenges, atmosphärisch aufgeladenes Porträt eines Landes im Übergang. Für den weiteren Verlauf des Festivals bleibt entscheidend, ob die Jury diese Mischung aus historischer Abweichung, formaler Strenge und politischer Unruhe als Stärke liest. Für Sandra Hüller ist der Film jedenfalls schon jetzt eine markante Rückkehr auf die internationale Bühne.
