Boris Hartmann aus Weinstadt sucht seit einem Jahr Arbeit. Der studierte Ingenieur mit Erfahrung in Robotik, Softwareentwicklung und Produktentwicklung lebt seit August 2024 von Arbeitslosengeld und seinen Ersparnissen, nachdem ihn sein früheres IT-Unternehmen aus der Region Stuttgart im Februar 2025 nicht mehr beschäftigen konnte.
Hartmann sagt, viele Arbeitgeber in seinem Bereich verlangten inzwischen Erfahrung mit künstlicher Intelligenz. Nach seinen ersten Bewerbungen sei die Ernüchterung schnell gekommen, weil Rückmeldungen lange dauerten und am Ende meist nur pauschale Absagen kamen. Das beschreibt auch die Lage auf dem Arbeitsmarkt: Während Fachkräfte dringend gesucht werden, tun sich gerade viele Akademiker schwerer als früher, eine Stelle zu finden.
Jutta Rump sagte, in vielen Berufen hätten sich die Anforderungen und Qualifikationen in den vergangenen zwölf Monaten verändert. Unternehmen seien vorsichtiger geworden, weil die Wirtschaft schwach sei und mehrere Krisen nachwirkten. Vor diesem Hintergrund entscheiden sie sich laut Rump oft lieber gegen eine Einstellung, wenn die Qualifikation nicht exakt passt, statt das Risiko einzugehen.
Dirk Werner verwies auf die große Zahl offener Stellen und sagte, es habe zum Ende des vergangenen Jahres 370.000 offene Fachkräftestellen gegeben, also Jobs, für die rechnerisch niemand zu finden war. Gleichzeitig nahm die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland weiter zu: Im April 2025 waren 3,008 Millionen Menschen registriert arbeitslos. Trotzdem sinkt das Verhältnis von offenen Stellen zu Bewerbern für ausgebildete Fachkräfte und für Menschen mit zusätzlicher Weiterbildung wie einem Meistertitel seit 2022.
Besonders deutlich ist der Druck bei Hochschulabsolventen. Deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt verschlechtern sich schneller als die von ausgebildeten Fachkräften mit Zusatzqualifikation. Zum ersten Mal seit Beginn der Datenerhebung haben Akademiker schlechtere Aussichten auf eine Stelle als diese Gruppe. Für Hartmann heißt das: Trotz seiner Qualifikation und seines Berufsprofils reicht Erfahrung allein derzeit nicht aus. Wer in seinem Feld ohne KI-Erfahrung sucht, muss offenbar länger warten und öfter mit Absagen rechnen.
Auch in der deutschen IT-Branche ist das Thema angekommen. Oliver Grün sagte, weltweit agierende Unternehmen nutzten solche neuen Möglichkeiten bereits, deshalb sei es wichtig, dass auch der deutsche IT-Mittelstand sie einsetzt, um nicht irgendwann abgehängt zu werden. Für Hartmann ist genau das der Kern seines Problems: Der Arbeitsmarkt verlangt heute andere Fähigkeiten als noch vor wenigen Monaten, und wer sie nicht vorweisen kann, bleibt trotz guter Ausbildung außen vor.
