Die Europäische Zentralbank könnte schon am 11. Juni gezwungen sein, die Zinsen wieder anzuheben, weil der Ölpreisschock nach der Eskalation im Nahen Osten länger anhält als viele erwartet hatten. Alexander Demarco warnte am Montag, die Chancen, über diesen Schock hinwegzusehen, schwänden, da der Konflikt sich hinziehe und die Ölpreise wohl länger hoch bleiben würden.
Demarco sagte zudem, selbst eine Lösung des Kriegs vor der nächsten EZB-Sitzung könne die Energiepreise womöglich nicht schnell genug abkühlen, damit die Notenbank untätig bleibe. Die Schäden an der Infrastruktur dürften die Energiepreise seiner Ansicht nach über dem Niveau vor dem Konflikt halten, und auch Angebotsengpässe dürften bestehen bleiben.
Für die EZB ist das eine heikle Lage. Im April ließ sie ihren zentralen Einlagenzins bei 2 Prozent unverändert, zugleich sprang die Inflationsrate auf 3 Prozent. Die Notenbank signalisierte bereits, dass eine Zinserhöhung schon im Juni kommen könnte. Märkte preisen derzeit drei EZB-Zinsschritte in diesem Jahr ein, deutlich mehr als viele Ökonomen erwarten.
Der Druck auf die Währungshüter kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Europa zum zweiten Mal in vier Jahren mit einem großen Energieschock ringt. Nach Russlands Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 hatte die EZB den Anstieg der Energiepreise zunächst als vorübergehend eingestuft und sich damit später als zu optimistisch erwiesen. Demarco stellte sich nun offen hinter die EZB-Prognosen, die von einer Rezession ausgehen, und sagte, es gebe bislang keine Anzeichen dafür, dass sich die Inflationserwartungen verselbständigten.
Gleichzeitig wächst innerhalb des EZB-Rats der Widerstand gegen ein rasches Vorgehen. Mehrere Tauben, darunter Luis de Guindos, François Villeroy de Galhau und Yannis Stournaras, drängen auf Zurückhaltung und mehr Daten, bevor über einen Zinsschritt entschieden wird. Der Streit zeigt, wie schmal der Grat für die EZB geworden ist: zwischen einer Inflation, die wieder anzieht, und einer Wirtschaft, die durch den Krieg im Nahen Osten zusätzlich belastet wird.
Auch aus dem Marktumfeld kommen keine Entwarnungssignale. Holger Schmieding, Chefökonom bei Berenberg, sagte, der Iran-Krieg und seine Folgen träfen die Wirtschaft hart. Demarco selbst machte klar, dass die geldpolitische Antwort nicht bei einem einzigen Schritt enden muss. „Wir sind verpflichtet, die Geldpolitik so zu setzen, dass sich die Inflation im mittleren Zeitraum bei 2 Prozent stabilisiert. Das könnte einen Zinsschritt erfordern. Es könnte mehr erfordern“, sagte er. Für die EZB ist damit die eigentliche Entscheidung nicht mehr, ob der neue Öl-Schock zählt, sondern wie schnell er sich in eine neue Zinsrunde übersetzt.
