Ulf Poschardt gibt am 1. Juli seine Funktionen als Herausgeber von WELT, Politico Deutschland und Business Insider Deutschland auf und wird bei Axel Springer neuer „Freiester Mitarbeiter“ der Premium-Gruppe. Der 59-Jährige soll künftig als Autor, Podcaster und Creator arbeiten und dabei nach Angaben des Hauses maximale publizistische Freiheit erhalten.
Der Wechsel ist in der Branche ungewöhnlich klar zugespitzt: Poschardt bleibt dem Verlag verbunden, verlässt aber die formalen Führungsrollen, die seine Arbeit über Jahre geprägt haben. Zur Premium-Gruppe gehören WELT, Politico Deutschland und Business Insider Deutschland; zudem soll er auch für alle deutschen und internationalen Marken von Axel Springer arbeiten, darunter Bild. Vorgesehen sind unter anderem tägliche Clips mit drei Fragen und drei Antworten für soziale Netzwerke, eine mögliche Talkshow für WELT TV sowie eine wöchentliche Kolumne und ein Videoformat bei Bild.
Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner begründete den Schritt mit der Reichweite des Journalisten. Nur wenige Autoren würden so leidenschaftlich diskutiert wie Poschardt, sagte er sinngemäß, und über Leitartikel bis Social Media erreiche dieser ein Millionenpublikum. Für diese Tätigkeit wolle man ihm im Rahmen der Creator-Strategie den Raum geben, um Reichweite und Wirkung auszubauen; kurz gesagt wolle man mehr Poschardt.
Poschardt selbst sprach von einer Entscheidung, die sich über Monate abgezeichnet habe. Er habe WELT und die Premium-Gruppe erst als Chefredakteur und dann als Herausgeber mit Leidenschaft geführt, sagte er sinngemäß. Im vergangenen Jahr habe er aber gemerkt, dass er für seine publizistische Arbeit mehr Freiheit brauche, die sich mit einer formalen Funktion nicht immer vereinbaren lasse. Daher sei er auf Döpfner zugegangen, und gemeinsam habe man eine neue Rolle gefunden.
Der Umbau markiert zugleich den nächsten Schritt in einer Laufbahn, die bei Axel Springer 2008 begann, als Poschardt stellvertretender Chefredakteur von WELT AM SONNTAG wurde. 2016 übernahm er die Chefredaktion der WELT-Gruppe, im vergangenen Jahr dann den Posten des Herausgebers. Parallel dazu brachte er 2024 sein Buch „Shitbürgertum“ heraus; der Nachfolger „Bückbürgertum“ soll am 15. Juni 2026 in die Buchhandlungen kommen.
Für Axel Springer ist der Deal mehr als ein Personalwechsel. Der Verlag bindet einen seiner sichtbarsten Köpfe enger an die eigenen Marken, löst ihn aber aus den klassischen Hierarchien, die in vielen Redaktionen noch immer über Zuständigkeiten und Öffentlichkeit entscheiden. Ob die neue Freiheit Poschardts Wirkung eher bündelt oder weiter verbreitert, wird sich daran zeigen, wie konsequent er die neuen Formate bespielt. Fest steht nur: Er verschwindet nicht aus dem Haus, sondern wird dort noch sichtbarer.
