Die georgisch-orthodoxe Kirche hat Shio (Mujiri) zu ihrem 142. Patriarchen gewählt. Der 39-köpfige Synod gab ihm 22 Stimmen, wie aus dem Wahlgang hervorgeht. Die feierliche Inthronisierung ist für Dienstag angesetzt.
Shio hatte die Kirche bereits als locum tenens geführt, nachdem Patriarch Ilia II. Mitte März gestorben war. Ilia II. stand seit 1977 an der Spitze der autokephalen Kirche und prägte das religiöse Leben des Landes über fast ein halbes Jahrhundert. Mit der Wahl endet nun die Vakanz auf dem patriarchalen Stuhl.
Das Gewicht dieser Entscheidung geht weit über die Kirche hinaus. Rund 83 Prozent der Menschen in Georgien gehören der georgisch-orthodoxen Kirche an, die damit im öffentlichen Leben des Landes enormen Einfluss hat. Zugleich bleibt die Kirche ein Spiegel der politischen und gesellschaftlichen Spaltung zwischen russischem Einfluss und Westintegration. Genau in dieser Bruchlinie steht auch Shio.
Der neue Patriarch gilt als prorussisch und als nah an der Regierung. Kritiker werfen ihm vor, Parallelstrukturen aufgebaut zu haben, um seine Macht zu festigen. Sie verweisen auch auf enge Kontakte zur prorussischen Regierungspartei Georgian Dream und zum Moskauer Patriarchat. Unterstützer sehen in ihm dagegen einen Verwalter, der die Kirche in einer Übergangszeit zusammengehalten hat.
Bei der Abstimmung setzte sich Shio gegen zwei weitere Kandidaten durch. Metropolit Iob (Akiashvili) erhielt neun Stimmen, Metropolit Grigol (Berbichashvili) fünf. Iob aus Ruisi-Urbnisi gilt als konservative Stimme und unterstützt die Rückkehr Georgiens zur Monarchie, positioniert sich in der Russlandfrage aber nicht klar. Die 1.200 Jahre alte Tradition der georgischen Kirche bleibt damit ebenso präsent wie der Streit darüber, wohin sie sich politisch und geistlich bewegt.
Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt jetzt. Shio muss nicht nur als 142. Patriarch Amt und Autorität aus einer Übergangsphase in eine dauerhafte Führung überführen, sondern dies in einer Kirche tun, deren Rolle in Georgien immer auch eine Frage der nationalen Richtung ist. Die Enthronisierung am Dienstag wird deshalb mehr sein als ein liturgischer Akt: Sie markiert den Moment, in dem aus einem Verwalter der Amtsinhaber wird.
