Die Europäische Zentralbank hat am Donnerstag erstmals seit September 2023 ihre Zinssätze angehoben und das Niveau um einen Viertelprozentpunkt erhöht. Der maßgebliche Einlagensatz steigt damit auf 2,25 Prozent nach zuvor 2 Prozent.
Der Schritt kam nicht überraschend. Die Teuerung im Euroraum lag im Mai laut einer Schnellschätzung von Eurostat bei 3,2 Prozent und damit weiter über dem Zwei-Prozent-Ziel der Notenbank. Zugleich verschärft der Krieg im Nahen Osten den Druck auf die Preise, wie die EZB selbst mitteilte.
Die Notenbank verwies darauf, dass die Aussichten nach wie vor von Unsicherheit geprägt seien. Sie sehe sowohl Aufwärtsrisiken für die Inflation als auch Abwärtsrisiken für das Wirtschaftswachstum. Die Gesamtfolgen des Krieges für Inflation und Wachstum in der mittleren Frist würden von der Intensität und Dauer des Energiepreisschocks sowie von indirekten Auswirkungen und Zweitrundeneffekten abhängen.
Damit bleibt die eigentliche Frage offen: Wie weit geht die EZB nach diesem Schritt noch? Gunter Deuber nannte die Anhebung alternativlos und sagte, seit Beginn der Kriegshandlungen im Nahen Osten sei die Inflation im Euroraum um 1,3 Prozentpunkte emporgeschnellt. Er rechne zwar im September mit einer weiteren Zinserhöhung, sehe aber ein Vorgehen mit Bedacht als wahrscheinlichstes Szenario. Andere Experten mahnen ebenfalls zur Vorsicht. Konstantin Veit von Pimco geht derzeit nicht davon aus, dass die Notenbank die Zinsen in einem aggressiven Tempo anhebt; mehr als zwei Zinserhöhungen hält er für eher unwahrscheinlich. Jörg Held sieht keine Lohn-Preis-Spirale und meint, die EZB sollte es bei diesem einen Schritt belassen. Roger Rüegg hält die aktuelle Anhebung nicht für nachhaltig und warnt davor, dass eine straffere Geldpolitik die ohnehin angeschlagene Konjunktur zusätzlich belasten könnte.
Der Zinsentscheid markiert damit keinen Kurswechsel ins Ungebremste, sondern eher den Versuch, den Inflationsdruck zu bremsen, ohne das Wachstum noch stärker zu treffen. Für Anleger, Banken und Unternehmen bleibt entscheidend, ob aus dem ersten Schritt nach fast einem Jahr Pause im September tatsächlich ein nächster wird.
