Ein Jahr nach dem Amoklauf im BORG Dreierschützengasse in Graz setzt die Schule am Mittwoch ein bewusst kleines Zeichen des Erinnerns und richtet den Blick zugleich auf den Herbst. Dann soll der Unterricht im neu aufgebauten Gebäude beginnen, während der Betrieb bis zum Ende des Schuljahres noch im benachbarten AVL-Gebäude weiterläuft.
Dass dieser Jahrestag heute so schwer wiegt, liegt an dem, was am 10. Juni 2025 geschah: Ein 21-jähriger Mann erschoss zehn Menschen, neun Jugendliche und eine Lehrerin. Für die Schulgemeinschaft ist das nicht nur Geschichte, sondern Gegenwart, weil der Angriff bis heute bestimmt, wie vorsichtig und wie langsam Rückkehr überhaupt möglich ist.
Am Montag vor dem Jahrestag legten Vertreter der Schule und der Stadt den Stand der Dinge offen. Mehr als 1.000 Beratungsgespräche hat das psychologische Kernteam seit der Tat geführt, und es ist weiter täglich von 8.00 bis 14.00 Uhr erreichbar. Der Aufwand zeigt, wie viele Menschen den Alltag nach dem Angriff noch immer nicht einfach hinter sich lassen können.
Mirza Candic, der mit Ulli Enzinger über das vergangene Jahr gesprochen hat, steht für genau diese Erfahrung. Für ihn und viele andere Betroffene ist der Weg zurück in einen geregelten Schulalltag kein sauberer Schnitt, sondern ein Prozess mit Pausen, Rückschritten und weiterem Redebedarf. Die Schule versucht, wieder Normalität herzustellen, ohne den Bedarf an psychosozialer Begleitung zu übergehen.
Schulleiterin Elisabeth Meixner sprach deshalb von einem Versuch zur Rückkehr in ein geordnetes, normales Leben. Im Mittelpunkt stünden Schutz, Stabilität, psychosoziale Begleitung und ein verlässlicher Schulbetrieb in einem geordneten Prozess. Auch die Entscheidung für die kleine Feier passt dazu: Liane Strohmaier sagte, mehr als die Hälfte der befragten Schüler habe sich dafür ausgesprochen, das Gedenken innerhalb der Schule zu belassen und in kleinem Rahmen zu halten.
Gleichzeitig arbeitet die Schule am sichtbaren Neubeginn. Das Gebäude wird derzeit vollständig rekonstruiert, und ein neues Sicherheitskonzept ist bereits ausgearbeitet. Wie stark es den Alltag prägen wird, bleibt bis zum Start im Herbst eine der offenen Fragen, die über die reine Rückkehr in Räume hinausgehen.
Die Stadt Graz hat nach dem Amoklauf zudem ein Spendenkonto eingerichtet, in das bislang fast 300.000 Euro eingezahlt wurden. Das Geld soll dort helfen, wo Kosten nicht von Opferschutzgesetz, Opferschutzfonds oder anderen Stellen gedeckt sind. Für die Schule ist das mehr als eine finanzielle Randnotiz: Es zeigt, dass der Weg in den Neubau nicht nur aus Bauarbeiten besteht, sondern auch aus fortdauernder Unterstützung für Menschen, die den 10. Juni 2025 nicht hinter sich lassen können.
