Nur jeder fünfte Baum in Deutschland ist noch vollständig gesund. Die jüngste Waldzustandserhebung, jetzt veröffentlicht, beschreibt damit einen Wald, der nach Jahren von Dürre, Stürmen und Überschwemmungen weiter unter Druck steht.
Warum das gerade jetzt so viel Aufmerksamkeit bekommt, zeigt schon die Größenordnung: Deutschland hat 11,5 Millionen Hektar Wald, rund ein Drittel der Landesfläche. Was in den Kronen passiert, betrifft also nicht nur Forstbetriebe, sondern große Teile des Landes. Katja Wehner von der TU Darmstadt hat den Darmstädter Westwald beobachtet und dort etwas gesehen, das sich vom nationalen Bild abhebt. Sie sagt, er erholt sich schneller als gedacht.
Die Zahlen der Erhebung machen den Befund greifbar. Bei den Fichten gelten nur ein Viertel als gesund, bei den Kiefern 13 Prozent, bei den Buchen 21 Prozent und bei den Eichen 13 Prozent. Erfasst wurden 38 Baumarten, doch Fichte, Kiefer, Buche und Eiche machen zusammen drei Viertel der Bestände aus. Gerade diese vier Arten tragen damit den größten Teil der Last.
Ältere Bäume trifft es dabei besonders hart. Unter den Bäumen über 60 Jahren liegt der Anteil mit deutlicher Kronenverlichtung bei 44 Prozent, bei jüngeren unter 60 Jahren bei 17 Prozent. Das passt zu dem langgezogenen Schadensbild, das sich seit den trockenen Jahren immer weiter aufgebaut hat: Dürreperioden wechselten sich mit Stürmen und Hochwasser ab, Hunderttausende Hektar Wald gingen dabei bereits verloren, und vom Sauerland bis zum Harz stehen noch immer Tausende tote Nadelbäume.
Auch bei den Arten zeigt sich, wie unterschiedlich die Schäden ausfallen. Die durchschnittliche Kronenverlichtung bei der Buche ist nicht ganz so stark geworden, die Fruchtbildung ist aber deutlich zurückgegangen. Die Eiche wirkt dagegen noch angreifbarer. Mehrere trockene Sommer haben viele Bäume so geschwächt, dass sie sich gegen Schädlinge kaum noch wehren konnten. Eichenjuchtenkäfer und Pilzbefall richten inzwischen schwere Schäden an; ihre Larven fressen unter der Rinde und überwintern dort ein bis zwei Jahre. Wenn ein Baum befallen ist, folgen oft weitere Käfer wie der Eichenlanghornkäfer und der Eichenkernbohrer, der ins Kernholz eindringt und das Holz stark entwertet.
Genau hier liegt der Widerspruch, der diese Lage so schwer lesbar macht. Im Darmstädter Westwald stehen viele tote Bäume zwischen lichten, grasbewachsenen Flächen, und der sandige Boden machte ihn in den Dürrejahren 2018 und 2019 besonders anfällig. Trotzdem ist dort sieben Jahre nach den ersten schweren Schäden wieder dichter Unterwuchs zurückgekehrt, wie Nico Blüthgen beschreibt. Der Waldzustand in Deutschland bleibt damit insgesamt schlecht, aber die Erhebung zeigt auch: Wo die Belastung nicht weiter eskaliert, kann sich Wald offenbar schneller regenerieren, als noch vor wenigen Jahren für möglich gehalten wurde.
Die offene Frage ist deshalb nicht, ob der Wald geschädigt bleibt — das ist er. Entscheidend ist, wie lange die Bäume brauchen, um wieder aus den wiederholten Trockenjahren herauszukommen, und ob die nächsten Jahre ihnen überhaupt die Ruhe dafür lassen.
