Gabriel Boric hat in London offen gelassen, ob er eines Tages wieder für das Präsidentenamt in Chile antritt. Der frühere Präsident sagte am Montag bei einem zweistündigen Gespräch in der British Library, er wache nicht jeden Morgen mit dem Gedanken auf, erneut Staatschef zu werden, halte eine spätere Diskussion über seinen Namen aber für wahrscheinlich.
Für Leser in Chile ist das Thema gerade deshalb brisant, weil Boric seine Bemerkungen während eines Aufenthalts in Europa machte und damit mitten in die laufende politische Debatte hineinsprach. Begleitet wurde er von seiner Partnerin Paula Carrasco und der gemeinsamen Tochter Violeta; geführt wurde das Gespräch von der schottischen Journalistin Isabel Hilton.
Boric formulierte dabei einen klaren Unterschied zwischen persönlichem Wunsch und politischer Möglichkeit. Er habe keine persönliche Ambition, noch einmal Präsident zu werden, sagte er. Zugleich sei er überzeugt, dass sein Name in einer künftigen Präsidentschaftsdebatte auftauchen werde. Diese Frage müsse kollektiv entschieden werden, betonte er, und fügte hinzu, vielleicht sei er nicht die Person, die diesen neuen Anlauf noch einmal anführen solle.
Seine eigene Bilanz klingt dabei wie der Grund für diese Zurückhaltung. Boric sagte, seine Regierung habe mit einer relativ akzeptablen Zustimmung, aber mit mehr Ablehnung geendet. Er könne das nicht ignorieren. Daraus leite sich auch die Möglichkeit ab, dass jemand mit weniger politischem Gepäck und größerer Anziehungskraft die Aufgabe besser übernehmen könnte. Für ihn gehe es am Ende nicht um eine persönliche Rückkehr, sondern darum, eine Mehrheit für die eigenen Ideen zu organisieren.
Die Äußerungen bekommen zusätzlich Gewicht, weil Boric am Montag seine Europareise mit dem Stopp in London beendete, nach früheren Stationen in Deutschland und Wales. Gleichzeitig fiel seine Kritik an der gegenwärtigen Rechten in eine heikle politische Lage in Chile: Während er im Ausland sprach, legte José Antonio Kast in Chile seinen ersten öffentlichen Bericht ab. Boric griff die rechte Seite scharf an, warf ihr einen Rückschritt bei den Menschenrechten vor und sagte, das gehe in manchen Fällen bis zu Negationismus.
Auch die Regierung von Kast nahm er ins Visier. Boric kritisierte Kürzungen bei den Ministerien und sagte, das Kulturministerium habe 10 Prozent seines Budgets verloren. Er stellte die Kürzungen als falsche Priorität dar und verteidigte Kulturförderung als Mittel gesellschaftlicher Kohäsion. Im selben Gespräch äußerte er sich zudem sehr negativ über Donald Trump und sagte, er habe eine sehr schlechte Meinung von ihm.
Offen bleibt damit nicht, ob Boric das Thema wieder in den Raum stellen will, sondern ob daraus am Ende tatsächlich ein neuer Anlauf wird. Nach seinen eigenen Worten gehört sein Name in die nächste Diskussion über La Moneda; ob er selbst dabei noch einmal als Kandidat auftritt, soll erst eine kollektive Entscheidung zeigen.

