Helmut Krätzl hat seine Gedanken über das Zölibatsgesetz gegenüber einem Rundfunkreporter entwickelt und damit eine Debatte neu angeheizt, die trotz zweier Bischofssynoden und der Haltung des Papstes nicht abreißt. Seine Überlegungen ließen weder ein Ungeheuer auftauchen noch das Gespenst einer zölibatslosen Kirche erscheinen, aber sie trafen einen wunden Punkt in einer Frage, die die katholische Kirche seit Jahren begleitet.
Absolute Zölibatsverfechter reagierten äußerst heftig auf Krätzls Einwände. Der Streit dreht sich dabei nicht um Randfragen, sondern um die Grundannahme, dass der priesterliche Zölibat unverzichtbar sei. Krätzl nannte ihn einen „freiwillig übernommenen Zwangszölibat“ und machte damit klar, dass er das geltende Gesetz nicht als unantastbare Wahrheit behandelt, sondern als Regelwerk, das neu geprüft werden muss.
Der Widerstand ist auch deshalb bemerkenswert, weil Umfragen unter Gläubigen und Fernstehenden nahelegen, dass der Wert des Zölibats längst nicht mehr einsichtig ist. Das alte Argument, Katholiken wollten nur zölibatäre Priester, trägt laut dem Text schon längst nicht mehr. In unierten Ostkirchen streben junge Leute in überreichem Ausmaß gerade im nichtzölibatären Priestertum Verantwortung an. Krätzls Schluss daraus ist klar: Eine Reform des Index ist dringend vonnöten.
Der Text rückt außerdem den Diakonat in den Blick. Im Abendland kennt man ihn seit Jahrhunderten nur noch als Vorstufe zum Priestertum und nicht mehr als dauernde Lebensform. Heute steht der Diakonat unter dem Zölibat, obwohl er nach kirchlicher Tradition auch anders verstanden werden könnte. Wo Bischöfe es aus seelsorglichen Erwägungen für nötig halten, soll der Diakonat erlaubt werden. Gerade daran zeigt sich, wie sehr sich die kirchliche Ordnung und die pastorale Wirklichkeit voneinander entfernt haben.
Damit ist die eigentliche Botschaft von Krätzls Einlassung nicht der Bruch mit der Kirche, sondern der Ruf nach einer Ordnung, die wieder zu den Realitäten der Gläubigen passt. Die Debatte über den Zölibat wird weitergehen, weil sie nicht mehr nur an der Lehre hängt, sondern an der Frage, ob die Kirche den Weg in die Gegenwart findet oder an einer Regel festhält, deren Überzeugungskraft nach eineinhalb Jahrtausenden erkennbar nachgelassen hat.
