Fünf Meter vor der Küste von Anholt liegt ein toter Buckelwal im Wasser, sein rostbraunes Fell ist mit Möwenkot bedeckt und der Kadaver bläht sich langsam auf. Das Tier, das viele nur Timmy oder Hope nennen, bleibt damit auch nach seinem Tod ein Blickfang.
Am Ufer standen am Dienstag Janni Hansen und ihr Freund aus den Vereinigten Staaten und sahen zu, wie der 15 Tonnen schwere Wal trieb. Hansen, eine Krankenschwester aus der Nähe von Kopenhagen, sagte: „Ich finde, er sollte hierbleiben.“ Für sie sei das Tier nicht nur ein Anblick des Verfalls, sondern ein Hinweis darauf, wie belastet die Meere seien.
Sie war für ein paar Tage Urlaub auf die Insel gereist, als der Kadaver erneut Menschen anzog. Ein deutscher Sender hatte eine Kamera aufgebaut und übertrug den toten Wal auf YouTube live; nach Angaben vor Ort sendete das Team seit Wochen fast ununterbrochen Walbilder. Auch die Boulevardzeitung Bild und ein Team des NDR waren am Ort. Vor wenigen Tagen war zudem ein nackter Mann auf den Kadaver geklettert, um Fotos zu machen.
Die Szene passt zu einer Geschichte, die auf Anholt längst größer geworden ist als ein einzelnes Tier. Wochenlang hielt der Buckelwal die Republik in Spannung, mit Live-Tickern, einem Land, das sich in Wal-Fans und Wal-Hasser teilte, und sogar einem Bundespräsidenten, der sich dazu äußerte. Eine private Mission versuchte derweil mit Millionenaufwand, das Tier zu retten.
Jetzt liegt der Wal also doch dort, wo er strandete. Hansen sagte, der tote Wal zeige eindrücklich, wie sehr die Meere belastet seien, und verwies auf die Schweinezucht in Dänemark, die viel Wasser und Ressourcen verbrauche und so viel Abfall erzeuge. Ihr amerikanischer Begleiter nahm die Szene mit Galgenhumor. Der Wal sei nach Deutschland geschwommen und habe gemerkt: „Fuck it, hier kann ich gar nicht sterben. Die Leute lassen mich nicht in Ruhe.“ Also sei er nach Anholt gekommen, wo er wenigstens den Leuchtturm sehen könne, sagte er. Später fügte er noch hinzu: „Just kidding. Zum Dinner empfehle er das Thai-Restaurant unten im Dorf.“
Auch Hansen schwankte zwischen Trauer und Absurdität. „Das arme Tier“, sagte sie zunächst. Dann blickte sie auf den Körper und meinte, das sehe überhaupt nicht wie ein Wal aus, eher wie ein Felsen. „Irgendwie traurig, oder? Komm Mali, wir gehen weiter.“ Genau das macht den Fall so ungewöhnlich: Selbst im Tod ist Timmy Mädchen nicht einfach verschwunden, sondern bleibt Teil einer öffentlichen Inszenierung, die auf der kleinen Insel vorerst kein Ende findet.

