Dynamo Kyiv trifft im Finale des ukrainischen Pokals 2025/26 auf Chernihiv. Für den Klub aus der Frontstadt ist es der größte Abend seiner jüngeren Geschichte, auch wenn niemand ernsthaft glaubt, dass Chernihiv den Cup gewinnt.
Gerade deshalb hat die Mannschaft schon vor dem Anpfiff Anhänger gewonnen. Auch einige Dynamo-Fans stehen hinter dem Gegner, und Andrii Yarmolenkos Vater sagte seinem Sohn, dass er die Mannschaft aus seiner Heimatstadt unterstützen werde. Als Chernihiv im Elfmeterschießen gegen Metalist 1925 weiterkam, freute sich Nazar Woloshyn bei den Paraden von Maksym Tatarenko so offen, dass er hinterher sagte: „Ich denke, dass wir alles geschafft haben.“
Dass Chernihiv überhaupt im Finale steht, ist die eigentliche Nachricht. Der Klub aus der Ersten Liga hat den Pokalweg als Außenseiter genommen und dabei eine Laufbahn hingelegt, die in dieser Form kaum jemand erwartet hatte. Gleichzeitig steckt die Mannschaft in der Liga im Abstiegsbereich, hat aber noch ein Spiel in der Hinterhand. Vor dem Endspiel gegen Dynamo wirkt das wie eine zweite, viel härtere Wirklichkeit, die den Pokalrausch nicht verschwinden lässt.
Die Umstände, unter denen Chernihiv arbeitet, erklären, warum dieser Lauf so viel Aufmerksamkeit zieht. Der Klub wird von Valerii Chernyi trainiert, spielt in einer Frontstadt und hat sein Stadion nach dem Beschuss im Jahr 2022 wieder aufgebaut, nachdem auch die Kontaktlinie dort verlief. Im Kader stehen fast nur Spieler aus Chernihiv und der Region oder Profis, die ihre besten Jahre bei Desna verbrachten. Bezborodko und Kartushov gelten als die Gesichter der Mannschaft.
Hinter dem Projekt stehen die Brüder Synytsia und ihr Vater. Die Familie ließ sich 2016 von Islands Sieg über England bei der EM inspirieren und fragte sich, warum ein Land mit 300.000 Einwohnern nicht auch Großes schaffen könne. Jurij Synytsia brachte es so auf den Punkt: „Nun, in Tschernihiw leben auch 300.000 Menschen, und in der Region Tschernihiw eine Million. Wir sind dreimal so viele wie die Isländer. Auch wir können England schlagen.“ Für Chernihiv ist das mehr als ein Spruch. Es ist der Ursprung eines Vereins, der mit dem kleinsten Budget aller Erstligisten arbeitet, gleichzeitig eine Infrastruktur mit beheiztem, bewässertem und beleuchtetem Platz aufbaut und eine Akademie für 450 Kinder unterhält.
Der Klub pflegt auch die Beziehung zu Yarmolenko. Chernihiv veröffentlichte ein Video, in dem Spieler den Nationalspieler anriefen, und übergab ihm ein Trikot mit seinem Nachnamen. Kurz darauf kam die Antwort aus dem Umfeld des Dynamo-Profis zurück, halb scherzhaft, halb ehrlich: „Nur nicht zu fest auf uns einprügeln!“ und „Über persönliche Bedingungen werden wir uns einigen.“ In diesem Finale steht damit nicht nur ein klarer Favorit einem Außenseiter gegenüber, sondern auch ein Verein, der sich trotz Kriegsschäden, knapper Mittel und Abstiegsdruck in einen nationalen Gesprächsstoff verwandelt hat.
Genau darin liegt der Reiz dieses Spiels. Dynamo Kyiv kann den Titel mit nach Hause nehmen, doch Chernihiv hat schon jetzt etwas erreicht, das sich in keinem Tabellenstand messen lässt: Es hat gezeigt, dass ein Klub aus einer beschädigten Stadt mit lokalen Spielern, einem geringen Etat und einem ungewöhnlich engen Zusammenhalt bis in ein nationales Endspiel kommen kann.
