Der Silberpreis ist am Freitag regelrecht abgestürzt. Das Metall verlor knapp 9 Prozent, nachdem Inflationsdaten deutlich über den Erwartungen lagen und wieder anziehende Ölpreise die Renditen am Anleihemarkt nach oben trieben.
Am Ende des Handelstages lag die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen bei 4,6 Prozent, während sich der US-Dollar-Index der Marke von 100 Punkten näherte. Der Markt preist damit eine restriktivere Zinspolitik der US-Notenbank ein, und die Erwartung, dass die Fed zumindest noch eine Zinssenkung im Jahr 2026 vornehmen wird, bekam einen herben Dämpfer.
Für den Silbermarkt ist das ein harter Rückschlag, weil die Bewegung nicht isoliert kam. Sie fügte sich ein in einen breiteren Abverkauf bei Gold und anderen Edelmetallen, die unter denselben Zins- und Dollarimpulsen litten. Wenn Renditen steigen und der Dollar fester wird, verlieren zinslose Anlagen wie Silber schnell an Attraktivität. Genau das hat sich am Freitag in voller Wucht gezeigt.
Gleichzeitig rückt damit auch die Debatte über das Angebotsbild in den Hintergrund, die den Markt in den vergangenen Monaten gestützt hatte. Am 15. April 2026 hatte The Silver Institute im World Silver Survey 2026 für 2026 noch ein erwartetes Defizit von 46,3 Millionen Unzen Silber genannt. Die UBS hatte vor dem Freitag sogar mit einem Defizit von 300 Millionen Unzen gerechnet, nahm ihre Erwartungen nun aber deutlich zurück und sieht für 2026 nur noch 60 bis 70 Millionen Unzen.
Das ist mehr als nur eine Korrektur an einer Prognose. 2026 wäre damit zwar immer noch das sechste Defizitjahr in Folge, doch die Größenordnung fällt weit kleiner aus als zuvor angenommen. Genau dieser Unterschied erklärt, warum der Markt auf die neue Lage so empfindlich reagiert: Die Preisfantasie über ein immer engeres Silberangebot trifft auf eine Geldpolitik, die vorerst härter bleibt als erhofft.
Auch Gold dürfte diese Wende zu spüren bekommen haben. Der Goldpreis hat einen Wendepunkt erreicht, die Goldrallye hat einen Kipppunkt erreicht. Für Anleger heißt das nicht, dass die Story der Edelmetalle vorbei ist. Es heißt aber, dass sie sich auf ein Umfeld einstellen müssen, in dem Inflation, Renditen und Dollar derzeit stärker zählen als knappe Lagerbestände und längerfristige Angebotsdefizite.
Die nächste Richtung am Silbermarkt wird deshalb vor allem davon abhängen, ob die Anleiherenditen auf diesem Niveau bleiben und ob die Erwartung weiterer Zinssenkungen erneut Fuß fasst. Bis dahin bleibt der Freitag als Warnsignal stehen: Der Markt hat seine Haltung geändert, und Silber hat das zuerst abbekommen.
