Fünf Länder haben sich dieses Jahr vom Eurovision Song Contest zurückgezogen, und die Bühne in Wien steht damit unter einem Schatten, den der Wettbewerb lange als Teil seiner eigenen Geschichte abtat. Spanien, Irland, Slowenien, Island und die Niederlande zogen sich zurück, während der Streit um Israel und die politische Richtung des größten Musikformats Europas weiter eskalierte.
Der aktuelle Konflikt bekommt zusätzliches Gewicht durch eine neue Recherche einer großen US-Zeitung, wonach die israelische Regierung in den vergangenen drei Jahren eine Kampagne zur Mobilisierung von Stimmen teilweise mitfinanziert haben soll. Die Aktion habe mindestens 1 Mio. Dollar gekostet, mit riesigen Plakatwänden am Times Square und Direktnachrichten an Unterstützer. Dass ein Wettbewerb, dessen öffentliche Abstimmung inzwischen weltweit geöffnet ist, auch von Menschen in den USA beeinflusst werden kann, zeigt, wie weit der ESC längst über Europa hinausreicht. Ein Aufruf von Benjamin Netanjahu auf Instagram, 20-mal für Israel zu stimmen, gehörte zuletzt ebenso zu dieser Mobilisierung wie der am Ende erste Platz Israels in der Publikumswertung 2025.
Die Europäische Rundfunkunion organisiert den Wettbewerb und traf in der Vergangenheit schon eigene politische Entscheidungen. 2022 schloss sie Russland nach dem Einmarsch in die Ukraine aus. Bei Israel ging sie anders vor: Israels Sender Kan erklärte zunächst, nicht teilnehmen zu wollen, doch die Rundfunkunion bat Kan und die Autoren des Beitrags, eine Zeile zu ändern, die sie als Anspielung auf den Hamas-Angriff vom 7. Oktober deutete. Israels Präsident Isaac Herzog griff ein und drängte den Sender zum Kurswechsel. Am Ende durfte Eden Golan mit überarbeiteten Texten antreten.
Genau an diesem Punkt liegt die eigentliche Spannung. Israel ist in den vergangenen drei Wettbewerben zum Auslöser von Protesten und Boykotten geworden, aber bis zum vergangenen Jahr hatte kein europäischer Sender offiziell die Ausladung des Landes verlangt. Die Debatte wird nicht nur von Regierungen geführt, sondern auch von Künstlern. Noa, eine frühere israelische ESC-Teilnehmerin, sagte: „I’m always against cultural boycotts. Having said that, I think my own country, if it were up to me, should have sat this one out.“ Der Satz trifft den Kern des Streits: Es geht nicht mehr nur darum, wer singt, sondern darum, wer den Wettbewerb für politische Wirkung nutzt.
Eurovision hatte immer einen politischen Unterton, doch der Bruch kam 2022 mit Russlands Ausschluss durch die Rundfunkunion. Seitdem wird jede Entscheidung des Veranstalters daran gemessen, ob sie konsequent oder selektiv ist. Israelische Regierungen haben den ESC nach Angaben der Recherche als weiches Machtinstrument begriffen und offenbar über Jahre versucht, die öffentliche Abstimmung zu beeinflussen. Dass sich das Publikum weltweit beteiligen kann, macht den Wettbewerb größer, aber auch anfälliger für organisierte Kampagnen. Für Wien heißt das: Der Streit ist nicht Beiwerk der Show. Er ist inzwischen Teil ihres Ergebnisses.

