Volker Schlöndorff ist mit 87 Jahren nach Cannes zurückgekehrt, diesmal mit einem neuen Film. Für den deutschen Regisseur ist es eine Heimkehr an einen Ort, an dem seine Karriere vor fast sechs Jahrzehnten mit einem Skandal begann.
Schlöndorff kam 1966 erstmals nach Cannes, als er sein Debüt „Young Törless“ zeigte, eine Adaption von Robert Musils Roman und einer der ersten Ausrufe des Neuen Deutschen Films. Die Vorführung löste sofort Empörung aus: Ein deutscher Kulturattaché stürmte während des Films aus dem Palais. Festivalchef Gilles Jacob versuchte, ihn zu beruhigen und sagte, er solle „zum Vergnügen hingehen“; außerdem habe er den Goldenen Palmzweig eigentlich schon, wie er später erinnerte. Schlöndorff selbst konterte damals: „Das ist kein deutscher Film!“ und fügte hinzu: „Für die Publicity hätte ich mir nichts Besseres wünschen können.“
Sein Weg durch Cannes endete dort nicht. 1979 gewann Schlöndorff mit „Die Blechtrommel“ die Goldene Palme, geteilt mit Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“. Danach folgte der Oscar für den besten fremdsprachigen Film, als erster deutscher Film seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Dass er nun, sechs Jahrzehnte nach „Young Törless“, wieder an die Côte d’Azur zurückkehrt, zeigt, wie eng seine Laufbahn mit dem Festival verbunden geblieben ist.
Diese Verbindung erklärt sich auch aus dem Stoff seiner Filme. In Cannes tauchten nach dem Debüt immer wieder Arbeiten von Schlöndorff auf, darunter „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, „Der Fangschuss“, „Der neunte Tag“, „Calm at Sea“ und „Diplomatie“. Immer wieder behandelte er Faschismus, Terrorismus, Krieg, ideologischen Zusammenbruch und moralische Kompromisse. Geboren wurde er in Deutschland während des Krieges, seine prägenden Jahre verbrachte er in Frankreich. Genau zwischen diesen beiden Ländern hat sich auch sein Kino bewegt.
Für Schlöndorff bleibt „Die Blechtrommel“ der Gipfel seines Schaffens. „Manchmal küsst einen die Muse, wie bei der Blechtrommel“, sagte er. „Das wird für immer mein Höhepunkt bleiben.“ Heute klingt darin weniger Triumph als Dankbarkeit. Sein Auftritt in Cannes beantwortet die Frage, die seine Rückkehr stellt: Er ist nicht gekommen, um den alten Ruhm zu wiederholen, sondern um zu zeigen, dass seine wichtigste Geschichte in Cannes nie wirklich abgeschlossen war.
