Der Streit um das richtige Dress der österreichischen Nationalmannschaft ist älter als viele ihrer Erfolge, und er ist kein rein österreichisches Kuriosum. Noch vor der WM 2026 flackert die Frage wieder auf, ob das Team in Rot-Weiß-Rot, Schwarz-Weiß oder gar in einem sogenannten Kaisertrikot auflaufen sollte.
Im Zentrum steht eine Farbe, die für Österreich über Jahrzehnte selbstverständlich war: Schwarz-Weiß. Das Heimdress der Nationalmannschaft galt fast 100 Jahre lang als die richtige Wahl, bevor sich mit Hans Krankl und dem Verweis auf Córdoba Rot-Weiß-Rot als starke Gegenidee durchsetzte. Wer heute über fußball und nationale Symbole spricht, spricht deshalb auch über Geschichte, nicht nur über Stoff.
Die Spur reicht bis in die Zeit der Monarchie zurück. Am 12. Oktober 1902 bestritt Österreich auf dem WAC-Grund im Wiener Prater sein erstes offizielles Ländermatch gegen Ungarn. Die damalige Mannschaft wurde in der Presse als „vollkommen unparteiisch zusammengestellte Repräsentationsmannschaft“ beschrieben, und sie trat in weißem Baumwolltrikot, schwarzen Hosen und schwarzen Stutzen an. Organisiert wurde das Spiel von der Österreichischen Fußball-Union, noch bevor 1904 der ÖFB gegründet wurde. In der Berichterstattung war sogar von „Die elf Besten aus der Gemeinde der Wiener Fußballer“ die Rede.
Dass Kleidung und Staatssymbole in Österreich immer wieder ineinandergriffen, zeigt auch der Blick ins Jahr 1919. Robert Menasse hat in seinem Essay „Das Land ohne Eigenschaften“ den Streit um das neue Staatswappen-Gesetz aufgegriffen und beschrieben, wie Wilhelm Niklas für Rot-Weiß-Rot als Staatsfarben der Republik warb, während Karl Renner Schwarz-Rot-Gold als Zeichen einer möglichen Orientierung nach Deutschland bevorzugte. Rot-Weiß-Rot setzte sich am Ende durch. Österreich spielte zu diesem Zeitpunkt aber längst in schwarz-weißen Dressen.
Gerade diese Verbindung erklärt, warum die aktuelle Debatte mehr ist als Nostalgie. Das schwarz-weiße Kit wurde in den frühen 1930er Jahren mit dem Wunderteam ikonisch und blieb für viele das historische Gesicht des Teams, auch wenn spätere Generationen den Triumph von Córdoba und die rot-weiß-rote Deutung stärker in den Vordergrund stellten. Auf der Instagram-Seite des Wunderteams sollen am Samstag Repliken jener Trikots verlost werden. Die Inszenierung trifft damit einen Nerv: Zwischen Vereinskultur, Nationalfarben und Erinnerungspolitik wird in Österreich bis heute darüber gestritten, welches Dress wirklich zur Mannschaft gehört.
Der Streit ist deshalb so hartnäckig, weil er nie nur Fußball war. Er führt von der Monarchie über die Staatsgründung von 1919 bis zu einer Nationalmannschaft, die mit jeder neuen Generation neu verhandeln muss, wie viel Geschichte auf einem Trikot Platz hat.
