Ein ORF-Betriebsrat wusste schon 2022 von den Vorwürfen gegen Roland Weißmann. Eine Mitarbeiterin hatte sich damals an das Gremium gewandt und erklärt, sie weise sein Interesse zurück.
Der Betriebsrat bestätigte gegenüber STANDARD und Spiegel, dass es dieses Gespräch gegeben habe. In seinen Notizen aus Juni 2022 hielt er fest, dass die Frau Weißmanns Avancen selbst abwehre. Was sie dem Gremium damals nicht erzählte: dass er ihr nach ihren Angaben unaufgefordert intime Fotos von sich geschickt haben soll.
Die neue Belastung für den früheren ORF-Generaldirektor fällt in eine Phase, in der seine Rolle ohnehin neu bewertet wird. Die Berichterstattung steht im Zusammenhang mit seinem Rücktritt, und sie trifft auf eine Geschichte, die schon vor Jahren begann: Im Juni 2022 soll es zunächst zu einer Konferenz und danach zu einer Auseinandersetzung um eine angebliche Liaison gekommen sein. Der Kern der Auseinandersetzung ist bis heute derselbe: ein Machtverhältnis, das nach Darstellung der Frau nicht mit einer einvernehmlichen Beziehung begann, sondern mit Druck.
Weißmann selbst stellte Mitte April eine andere Version dar. Er sagte, er habe mit der Frau eine Beziehung gepflegt, die „einvernehmlich und wechselseitig“ gewesen sei. Gleichzeitig ließen er und sein Anwalt Oliver Scherbaum Fragen von Spiegel und STANDARD unbeantwortet. Scherbaum schrieb lediglich, man werde von weiteren medialen Äußerungen derzeit Abstand nehmen und auf die laufenden Verfahren verweisen.
Die Frau wollte die Darstellung nicht stehen lassen. Mitte April erklärte sie, sie habe sich zu einem Treffen bereiterklärt und sagte: „Das konnte ich unmöglich so stehen lassen“. In ihrer Schilderung nannte sie die Gründe dafür offen: „Weil ich die Aggression und Eskalation des Generaldirektors fürchtete und voller Existenzängste war“, sagte sie. „Ich war mitten im Hausbau, verschuldet, frisch geschieden.“
Der Betriebsrat notierte bereits im Juni 2022, dass sie Weißmanns Avancen selbst abwehre. Die Frau sagte dem Gremium damals, sie weise sein Interesse zurück; über die angeblich unaufgeforderten Bilder sprach sie dabei nicht. Dass sie sich überhaupt an den Betriebsrat wandte, hing auch mit einem Gerücht zusammen, das sie damals eindämmen wollte: einer angeblichen Strobl-Liaison. Nach Angaben des Betriebsrats bat sie 2022 darum, dieses Gerücht einzudämmen.
Besonders brisant wird die Sache durch einen Satz, den die Frau Weißmann zuschreibt: „Wenn das stimmt, dann haue ich dich aus dem ORF hinaus“. Sollte diese Darstellung zutreffen, wäre der Konflikt nicht nur privat gewesen, sondern eine Frage von Einfluss und Drohung im Inneren des Unternehmens. Am 18. März reichte Weißmann laut den vorliegenden Angaben juristisch gegen die Frau vor.
Der Fall ist damit nicht auf eine frühere Beziehung reduziert. Er ist auch ein Streit um Glaubwürdigkeit, um die Deutung eines Gesprächs aus dem Jahr 2022 und um die Frage, ob Weißmann die Affäre erst öffentlich als einvernehmlich beschrieb, nachdem die Vorwürfe längst im Raum standen. Für den früheren ORF-Chef ist das Risiko klar: Je mehr Details aus den Verfahren bekannt werden, desto schwerer wird die Trennung zwischen privater Beziehung und möglichem Machtmissbrauch aufrechtzuerhalten.

