Österreichs Pflichtschulen kommen beim Ausbau ganztägiger Angebote voran, aber viel langsamer und ungleicher, als es die Politik seit Jahren verspricht. Im aktuellen Schuljahr nutzen 33,7 Prozent der Schülerinnen und Schüler ein ganztägiges Angebot, doch nur 8,1 Prozent sind an einer echten Ganztagsschule angemeldet, in der sich Unterricht mit Lern- und Freizeit abwechselt.
Die größte Lücke zeigt sich zwischen den Bundesländern. In Wien nutzen 56,6 Prozent der Pflichtschüler ein ganztägiges Betreuungsangebot, in Tirol sind es nur 18,8 Prozent. Vorarlberg liegt mit 49,7 Prozent ebenfalls klar über dem Bundesschnitt, das Burgenland kommt auf 38,9 Prozent. Salzburg erreicht 29,2 Prozent, Kärnten 28,8 Prozent, die Steiermark 27,5 Prozent, Niederösterreich 26,9 Prozent und Oberösterreich 21,7 Prozent.
Die Zahlen stammen aus einer parlamentarischen Anfrage, die Sigi Maurer Ende April an Bildungsminister Christoph Wiederkehr gestellt hat. Sie zeichnen ein Bild eines Systems, das zwar wächst, aber Kinder je nach Wohnort sehr unterschiedlich versorgt. Maurer kritisierte den Ausbau als „beim Ausbau gerechter ganztägiger Bildung viel zu langsam“. Noch schärfer fiel ihr Urteil über die regionalen Unterschiede aus: „Dass Kinder je nach Wohnort völlig unterschiedliche Chancen auf Betreuung und Förderung haben, ist ein bildungspolitisches Versagen“.
Der Blick zurück macht den Fortschritt sichtbar, aber auch die Trägheit. Im Schuljahr 2010/11 nutzte gerade ein Zehntel der Pflichtschüler ein ganztägiges Schulangebot; inklusive Hortbetreuung waren es 17,3 Prozent. 2020/21 lag die Quote bereits bei 26,2 Prozent beziehungsweise 41,3 Prozent inklusive Hort. Im vergangenen Schuljahr stieg der Anteil auf 32,4 Prozent, inklusive Hortbetreuung auf 47,5 Prozent. Seit 2020/21 sind österreichweit 309 Standorte hinzugekommen.
Für das laufende Schuljahr und die nächsten Jahre bleiben die Pläne aber überschaubar. In Wien soll das Angebot bis 2028/29 um 3,7 Prozent wachsen, in Tirol um 3,0 Prozent. In Salzburg beträgt der erwartete Zuwachs 1,7 Prozent, in der Steiermark nur 0,2 Prozent. Genau an diesem Punkt setzt auch Maurers Kritik an: Ganztagsschulen, sagte sie, „schaffen mehr Fairness, weil sie Kinder und Eltern im Alltag entlasten, individuelles Lernen ermöglichen und jene stärken, die zu Hause weniger Unterstützung haben“.
Der Bund versucht seit 15 Jahren, den Ausbau ganztägiger Angebote an Pflichtschulen und AHS-Unterstufen über Fördergelder zu forcieren. Die Mittel wurden nach wechselnden Kriterien vergeben, abgerufen wurden sie aber nur zum Teil. Trotz des spürbaren Anstiegs bleibt die eigentliche Ganztagsschule mit 8,1 Prozent die Ausnahme. Maurer machte deutlich, wer aus ihrer Sicht jetzt liefern muss: Der Bund, sagte sie, „steht jetzt in der Verantwortung, den Ausbau endlich entschlossen voranzutreiben“.
Die Zahlen zeigen damit vor allem eines: Österreich baut die Schule am Nachmittag aus, aber nicht schnell genug und nicht gleich genug, um den Anspruch auf verlässliche Betreuung überall einzulösen.
